Wilhelm Buschs Blick auf Duchamps „Fountain“

Der große Porzellan-Schwindel

Marcel Duchamp - Fountain (1917)
 Foto: Micha L. Rieser (2008)
Fontaine Replica of Marcel Duchamp. Musee Maillol, Paris, France.

Der kühne Plan des Meisters

Es war einmal ein kühner Mann,
der sprach: „Ich pfeif’ aufs Können dran!
Statt Farbe, Form und Pinselstrich —
da nehm’ ich was, das glänzt ganz frisch!“

Das Objekt der Begierde

Und siehe da, mit stolzem Schwung
setzt er ein Pißbecken herum.
„Das ist,“ so tönt’s in großem Ton,
„der Gipfel meiner Inspiration!“

Die Ratlosigkeit der Weisen

Da stehn die Herren Kunstgelehrten
und zupfen eilig an den Bärten,
sie murmeln tief und klug bewegt,
was keiner recht zu sagen pflegt.
Ein jeder nickt, doch keiner sieht,
dass hier kein Funken Schönheit sprüht.

Der Aufstieg zum Weltenwunder

Der Meister schweigt, doch ringsherum
erhebt sich bald ein feiner Summ.
Man druckt’s in Blätter, trägt’s ins Ohr,
so geht das Märchen nun hervor:
Ein Becken ward — welch Wunderding! —
zum Zeichen größrer Welterring’.

Eine Warnung an die Jugend

Doch, liebe Kinder, merkt euch fein:
Nicht alles, was so künstlich scheint,
ist Kunst, weil einer’s kühn benennt
und drum den Wert ins Unmaß lenkt.

Das hohle Heiligtum

Ein Märchen bleibt’s, wie’s Busch erzählt —
ein Schelm, der großen Wert verhehlt.
Der Witz, nicht Geist, regiert die Tat,
weil man die Tollheit heilig hat.
Und so verzückten sie im Chor
das Nichts zu einem Heiligen Rohr.

Das Ende vom Schabernack

Doch ist’s nur Blendwerk, hohl und leer,
so wird’s zum Märchen über Nacht daher.
Die Herren nicken, voller Ehr’,
als sei der Schabernack nun mehr.
Der Witz regiert, nicht Geist und Tat,
weil man den Nonsens heilig hat.
Ein Pissoir auf Sockel gestellt –
und plötzlich staunt die ganze Welt!

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📌Marcel Duchamp
📌Fountain

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