Veroneses Blick auf Cawéns „Wiegenlied“

Eine Leinwand so leer wie ein Inquisitiorherz

Alvar Cawén - Wiegenlied / Lullaby (1921)
(56 × 78,5 cm)

Der Verlust der Harmonie

Es ist ein schweres Herz, mit dem ich vor dieses Werk trete. Man sagt mir, dies sei die Kunst einer neuen Zeit, gemalt im Jahre 1921 von einem Herrn Cawén. Doch mein Auge, das an Harmonie, Licht und die Ordnung der Welt gewöhnt ist, findet keinen Halt; meine Seele keine Nahrung in diesem „Wiegenlied“.

Wo ist der Glanz geblieben, den wir einst mit mühsamer Hand auf die Leinwand zwangen? Ich sehe dieses bescheidene Format und empfinde tiefe Resignation. Es ist nicht Zorn, der mich bewegt, sondern ein leiser Schmerz über das, was verloren ging.

Das Handwerk im Schatten

Das Handwerk liegt im Schatten. Die Künstler eurer Tage scheinen das Zeichnen verlernt zu haben. Wo sind die fließenden Linien, die die Form umschmeicheln? Die Mutter, das Kind – starr, fast hölzern, ohne innere Bewegung, ohne die Grazie, die das Leben atmen lässt. Die Lasur, jenes heilige Geheimnis, das Schicht um Schicht das Licht einfängt, ist einem flachen Farbauftrag gewichen.

Und die Farben selbst! Wo ich einst das reinste Silbergrau und leuchtendes Ultramarin suchte, sehe ich hier nur eine erdige Trübung, als sei das Licht selbst unter einer Schicht Staub erstickt. Die Perspektive, die einst Räume öffnete und die Tiefe des Seins offenbarte, ist hier zu einer undurchdringlichen Fläche erstarrt, die den Betrachter abweist.

Die schmerzliche Leere der Leinwand

Doch am schmerzlichsten ist die Leere. So viel ungenutzte Fläche – sie umgibt die schlafende Mutter und ihr Kind wie ein leerer, kalter Raum, der ihre Zärtlichkeit beinahe erdrückt. Als hätte man Angst, die Leinwand zu füllen, als sei Stille allein gleichbedeutend mit Schönheit.

Ich erinnere mich an jenen Tag im Juli 1573, als ich vor den Richtern der Heiligen Inquisition stand. Man warf mir vor, ich hätte meine Bilder mit „unnützen“ Dingen gefüllt – Zwergen, Papageien, bewaffneten Knechten. Ich entgegnete:

„Wenn auf einem Bild noch Platz übrig ist, so fülle ich ihn mit Figuren aus, wie es mir angemessen scheint… Ich glaubte, dass diese Figuren dort gut stünden und für etwas Schönes genutzt werden könnten.“

Ein Sehnen nach dem verlorenen Überfluss

Wie sehr wünschte ich, Cawén hätte ebenso gehandelt! Ein Stoff, der über einen Stuhl fällt; ein kleiner Hund zu Füßen der Mutter; ein Blick durch ein Fenster auf ferne, sonnenbeschienene Dächer – all dies hätte die Einsamkeit dieser Szene gemildert. Stattdessen herrscht Leere, die nicht nach Ruhe klingt, sondern nach Gleichgültigkeit und vergeblicher Zurückhaltung.

Ich verstehe diese moderne Zeit nicht. Man preist Einfachheit, doch ich sehe darin Verzicht auf die Fülle des Lebens. Der Mut, die Leinwand zu feiern, ist verloren, das Handwerk dem Zeitgeist geopfert. So ziehe ich mich zurück in meine Welt aus Licht, Marmor und Seide, denn in dieser kargen Moderne finde ich keinen Ort für die Träume, die einst meine Bilder atmen ließen.

📌Paolo Veronese
📌Alvar Cawén
📌Wiegenlied

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