van Dycks Blick auf Rousseaus „Die Muse und der Dichter“

Ein Machwerk ohne Meisterhand

Henri Rousseau - Die Muse und der Dichter (1909)
(146,2 x 96,9 cm) 

Von der ersten Betrachtung des Werkes

Wahrlich, werter Freund, als ich jenes Bildnis sah, das man „Die Muse und der Dichter“ nennt, ward mir, als hätte ein Lehrbube im ersten Monat seines Handwerks sich erkühnt, ein Werk für die Ewigkeit zu schaffen. Welch kühner Wahn. Denn hier fehlt es an allem, was die Malerei zu einer edlen Kunst erhebt und uns Alten in Fleisch und Blut geschnitten ward: Licht, das die Gestalten formt; Schatten, die Tiefe verleiht; Perspektive, die den Raum atmen lässt. Seine Farben – roh und schreiend – gleichen nicht dem warmen Fleischton, der aus Wahrheit und Demut geboren wird, sondern einem Jahrmarkt der Willkür.

Vom Mangel an Kunstfertigkeit

Statt eines lebendigen Bildraumes blickt man auf eine Fläche, so flach wie ein schlecht gespanntes Tuch. Die Figuren wirken, als seien sie aus Holz geschnitten und ohne Kenntnis der Anatomie bemalt. Kein Übergang, kein zarter Ton, kein Spiel des Lichts – nur plumpe Vereinfachung, die sich als Naivität ausgibt. Zu meiner Zeit hätte man einen solchen Versuch als Studienblatt eines Knaben abgetan, nicht als vollendetes Werk.

Über die Darstellung der Muse

Die sogenannte Muse – ach, welch Muse! – steht da wie eine Puppe, deren Glieder ein ungeschickter Handwerker zusammengesetzt hat. Ihr Blick ist leer, ihr Antlitz ohne Leben, und ihr Gewand fällt nicht, es hängt. Nichts an ihr zeugt von jener Anmut, die eine Muse auszeichnen sollte. Sie ist ein Schatten ihrer selbst, ein Symbol ohne Geist.

Über den Dichter an ihrer Seite

Der Dichter, der ihr zur Seite steht, scheint eher ein Gefangener dieser Szene als ihr Mittelpunkt. Starr, unnatürlich, ohne jede Regung. Sein Körper gehorcht nicht den Gesetzen der Natur, sein Ausdruck nicht den Regungen der Seele. Ein Dichter ohne Innerlichkeit – welch Widerspruch.

Über die Verwunderung des Malers

Dass ein solches Werk in einem Museum Aufnahme fand, dünkt mich ein Zeichen unserer verkehrten Zeiten. Ich gestehe: Es wundert mich zutiefst, dass man einem Manne, der weder die Sprache des Lichts spricht noch die Gesetze des Raumes kennt, solch eine Ehre zuteilwerden lässt. Kunst ohne Können ist wie Musik ohne Klang – ein bloßer Schatten dessen, was sein sollte.

📌Anthonis van Dyck
📌Henri Rousseau
📌Die Muse und der Dichter

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