Sherlock Holmes' Blick auf Mintchines „Pierrot“

Ein Lehrstück in kostspieliger Ahnungslosigkeit

Abraham Mintchine - Pierrot (1928 ca.)
(92 x 60 cm) 

„Watson, haben Sie den Zuschlagspreis gesehen?“, fragte ich, während ich meine Pfeife entzündete, als müsse ich mich moralisch auf das vorbereiten, was gleich folgen würde.

„Über 300.000 Euro, Holmes!“, rief er.

„Natürlich“, sagte ich. „Der Mensch zahlt gern viel für Dinge, die er nicht versteht. Es beruhigt ihn. Es gibt ihm das Gefühl, er sei Teil eines exklusiven Zirkels – auch wenn dieser Zirkel aus Blinden besteht, die einander über die Klippe führen.“

Die Farbe: Ein Angriff auf die Netzhaut

„Betrachten Sie dieses Gewand, Watson. Dieses Orange-Ocker – eine Farbe, die aussieht, als sei sie aus den Resten eines missglückten Wandstreichens gewonnen worden. Kein Licht, keine Schatten, keine Absicht. Es ist die chromatische Entsprechung eines Mannes, der beim Malen vergessen hat, dass die Welt dreidimensional ist.“

Watson räusperte sich. „Vielleicht wollte der Künstler—“

„Watson, bitte. Wenn wir jedem Unvermögen die Ausrede des Wollens zugestehen, könnten wir auch einem fallenden Ziegelstein künstlerische Absicht unterstellen.“

Die Hände: Ein anatomischer Offenbarungseid

„Und nun die Hände. Diese… Gebilde. Sie erinnern an das, was entsteht, wenn ein Kind versucht, aus Knetmasse einen Frosch zu formen und dann auf halbem Wege das Interesse verliert. Keine Gelenke, keine Spannung, keine Kenntnis. Ein Künstler, der die Anatomie ignoriert, bevor er sie verstanden hat, ist wie ein Mann, der eine Sprache spricht, die er nie gelernt hat – laut, falsch und voller Selbstvertrauen.“

Watson nickte langsam. „Es wirkt tatsächlich… seltsam.“

„Seltsam ist ein höflicher Ausdruck. Ich würde sagen: Es ist die bildnerische Version eines Mannes, der versucht, ein Uhrwerk mit einem Hammer zu reparieren.“

Der Raum: Feigheit in Öl

„Und sehen Sie den Hintergrund. Ein farbiges Nichts. Kein Raum, keine Tiefe, keine Entscheidung. Die Figur schwebt, weil der Maler nicht wusste, wohin er sie stellen sollte. Es ist die Flucht eines Mannes, der die Perspektive so sehr fürchtet wie ein Dieb die Laterne.“

Das Urteil: Ein Meisterwerk – der Selbstüberschätzung

Ich lehnte mich zurück. „Wir haben Farbe ohne Licht, Hände ohne Knochen, Raum ohne Mut. Das ist kein Stil, Watson. Das ist die künstlerische Bankrotterklärung eines Mannes, der sich für einen Maler hält, weil er einen Pinsel besitzt.“

Watson seufzte. „Also halten Sie es für wertlos?“

„Wertlos? Nein, Watson. Es ist unbezahlbar – als Beispiel dafür, wie weit menschliche Selbsttäuschung gehen kann. Und nun löschen Sie bitte die Lampe. Dieses Ocker beleidigt meinen Intellekt.“

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