Ruskins Blick auf Godwards „Die Verlobte“, Renoirs „Frau im Gras liegend“ und Beckmanns „Liegende Frau am Meer“

Die Entseelung der Leinwand: Ein Klagelied über den Verlust der ehrlichen Arbeit

Von John Ruskin

Es ist die vornehmste Aufgabe des Künstlers, als gläserner Mittler zwischen der göttlichen Natur und der menschlichen Wahrnehmung zu dienen. Echte Kunst ist kein bloßer Zeitvertreib; sie ist ein Gottesdienst, vollzogen durch unermüdliche Beobachtung und die Unterwerfung der eigenen Eitelkeit unter die Herrlichkeit der Schöpfung. Wenn wir jedoch den Weg betrachten, den die Malerei von der späten Romantik bis in die Wirren des heutigen Jahrhunderts genommen hat, sehen wir keinen Fortschritt, sondern einen moralischen und handwerklichen Offenbarungseid.

John William Godward - Die Verlobte (1892)
(43 x 83 cm)

I. Das Sakrament des Details: John William Godward (1892)

In Godwards „Die Verlobte“ finden wir jene Aufrichtigkeit, die ich zeitlebens gefordert habe. Jeder Faltenwurf, jede Linie des Körpers ist mit jener geduldigen Hingabe ausgeführt, die allein aus Respekt vor der Wahrheit entsteht. Betrachten Sie die Marmorstufen, auf denen die Jungfrau ruht. Hier wurde nicht bloß Farbe verstrichen; hier wurde die Geologie verehrt. Jede Äderung des Steins, jeder Faltenwurf des Gewebes zeugt von einer tiefen Demut vor der Beschaffenheit der Welt.

Dies ist das Werk eines Mannes, der verstanden hat, dass Gott im Detail wohnt. Das „Können“, von dem wir sprechen, ist hier gleichbedeutend mit Liebe – der Liebe zum Objekt, die so groß ist, dass der Künstler bereit ist, tausend Stunden in die Perfektion eines Schattens zu investieren. Godward besitzt die Disziplin des mittelalterlichen Steinmetzes; er adelt das Handwerk zur Kunst, indem er die Natur in ihrer reinsten, edelsten Form besingt.

Pierre-Auguste Renoir - Frau im Gras liegend (1899)
(30 x 40 cm)

II. Die Sünde der Trägheit: Pierre-Auguste Renoir (1899)

Wenden wir uns Renoir zu, so spüren wir bereits den kalten Hauch der Dekadenz. Seine „Frau im Gras liegend“ mag auf den ersten Blick gefällig wirken, doch sie ist von einer gefährlichen Lethargie gezeichnet. Wo ist die präzise Anatomie des Grases? Wo ist die göttliche Struktur des menschlichen Körpers?

Renoir beginnt, die Wahrheit der Stimmung zu opfern. Er malt nicht mehr die Blume, wie sie ist, sondern nur noch den flüchtigen Reiz, den sie auf sein bequemes Auge ausübt. Dies ist der Beginn des Impressionismus – einer Bewegung, die ich stets mit Argwohn betrachtete, da sie die mühsame Suche nach der Wahrheit durch die einfache Befriedigung des Sinnes ersetzt. Es ist eine Aufweichung der moralischen Faser des Künstlers. Wenn die Hand zu faul wird, die Form zu definieren, beginnt die Seele zu verkümmern.

Max Beckmann - Liegende Frau am Meer (1950)
(46 x 61 cm)

III. Die gotteslästerliche Hässlichkeit: Max Beckmann (1950)

Was soll man jedoch zu einem Werk wie Beckmanns „Liegender Frau am Meer“ sagen? Es ist, als hätte die Menschheit das Sehen verlernt und würde nun in den Trümmern ihrer eigenen Ignoranz wühlen. Hier gibt es keine Ehrfurcht mehr, keine Demut, kein Handwerk. Es ist eine Beleidigung des Lichts.

Diese groben, schwarzen Balken, die als Umrisse dienen sollen, diese Schmutzigkeit der Farben – das ist kein künstlerischer Ausdruck, das ist die totale Kapitulation vor dem Chaos. Wenn ein Mensch behauptet, dies sei Kunst, so sagt er damit, dass die Natur hässlich und die Arbeit wertlos sei. Beckmanns Werk ist der Gipfel des modernen Egoismus: Er stellt seine eigene, verzerrte Sichtweise über die objektive Schönheit der Welt. Es ist ein diletantischer Hochmut, der die jahrhundertelange Erziehung des menschlichen Geistes mit Füßen tritt. Zwischen der sakralen Meisterschaft eines Godward und dieser blasphemischen Stümperei liegen Welten der moralischen Integrität.

Fazit

Wahre Kunst fordert das Opfer der Zeit und die Hingabe der Seele. Godward brachte dieses Opfer. Renoir begann, mit der Wahrheit zu feilschen. Beckmann jedoch hat den Tempel der Kunst verlassen und im Schlamm der Beliebigkeit ein neues Zelt aufgeschlagen. Mögen wir zu jener Zeit zurückkehren, in der „Können“ noch als Pflicht gegenüber dem Schöpfer verstanden wurde.

📌John Ruskin
📌John William Godward
📌Die Verlobte
📌Pierre-Auguste Renoir
📌Frau im Gras liegend
📌Max Beckmann
📌Liegende Frau am Meer

Kommentare