Rüdiger Hoffmanns Blick auf Matisses „Offenes Fenster in Collioure“

Rüdiger Hoffmann: „Matisse – Ein nüchterner Westfale in Washington“

Henri Matisse - Offenes Fenster in Collioure (1905)
(55,3 x 46 cm)

Washington – einfach mal raus aus Paderborn…

Ja, hallo erst mal…
Ich weiß gar nicht, ob Sie’s wussten, aber ich war neulich in Washington D.C.
Einfach mal raus aus Paderborn, ein bisschen Weltluft schnuppern…
Und da dachte ich mir:
„Rüdiger, wenn du schon mal hier bist, gehste auch mal in die National Gallery of Art.“
Kultur, Bildung, all sowas.
Man will ja nicht sagen lassen, man hätte nur Burger gegessen.
(Publikum lacht)

Das Fenster, das Fenster…

Und da stehe ich nun vor diesem Werk von Henri Matisse…
„Offenes Fenster in Collioure“.
Da hängt also dieses Fenster. Offen. Nach Collioure raus.
Ich hab lange geguckt. Wirklich lange.
(Pause)
Ich bin Westfale, wir geben nicht so schnell auf.
Aber irgendwann musste ich mir eingestehen: Ich verstehe es nicht.
(Publikum lacht leise)

Ein Fenster zum…
Ja, wohin eigentlich?
(Pause)

Fliesenspiegel oder Meisterwerk?

Das Bild ist 55 mal 46 Zentimeter groß.
Also, von der Fläche her eigentlich ein schönes Format für einen Fliesenspiegel im Gästeklo.
(Publikum lacht)
Aber der Inhalt? Ich sag’s mal ganz nüchtern: Das ist bunt. Richtig bunt.
Matisse hat da wohl alles auf die Leinwand gedrückt, was die Tube hergab –
ohne kurz innezuhalten und nachzudenken.
(Pause)

Boote oder bunte Kommas?

Man sieht da Boote auf dem Wasser. Behauptet er zumindest.
Für mich sehen die aus wie kleine, farbige Kommas, die jemand im Halbdunkeln hingeschmiert hat.
(Publikum lacht)
Und die Farben! Das Wasser ist nicht blau. Nein, das ist… rosa? Türkis?
Wenn das Wasser in Frankreich wirklich so aussieht, würde ich da nicht baden gehen…
(Pause)
Da ist doch was im Busch mit den Abwasserwerten.
(Publikum lacht)

Kunst kommt von Können?

Kunst kommt von Können?
(Pause, Blick ins Publikum)
Wir sagen ja bei uns: Kunst kommt von Können.
Und bei diesem Henri… also, ich weiß ja nicht.
Das sieht aus, als hätte er das Fenster aufgemacht, einmal kräftig geniest
und dabei die Farbpalette fallen gelassen.
(Publikum lacht)
Wilde Malerei, sagt man wohl heute.
Ich sage: Das hätte mein Neffe im Kindergarten auch hingekriegt.
Der hat eigentlich zwei linke Hände.
(Pause)

Die Technik: Grobe Striche, weiße Stellen auf der Leinwand,
die einfach gar nicht bemalt wurden.
Da hat er wohl mittendrin die Lust verloren… oder musste zum Bus.
(Publikum lacht)

Volkshochschule trifft Welterbe

Das Niveau: Solche Bilder entstehen jeden Tag tausendfach
in Volkshochschulkursen „Malen mit Weinbegleitung“.
Am Ende hängen die an der Korkwand, und alle sagen:
„Mensch, Beate, das ist aber expressiv!“
(Publikum lacht)

Die Macht der Unterschrift…
(Pause)
Das Schlimme ist ja: Wenn ich das malen würde und es auf den Flohmarkt in Paderborn stelle, sagt der Erste:
„Fünf Euro für den Rahmen, das Bild kannst du behalten.“
(Publikum lacht)
Aber weil da unten „Matisse“ steht, ist es plötzlich Welterbe.
Ohne Signatur? Nur bunte Pappe,
mit der man ein wackeliges Tischbein ausgleicht.
(Pause)

Foto vom Hotelzimmer – reicht auch

Ich stand also da, in Washington, und dachte:
„Rüdiger… du hättest auch einfach ein Foto vom Hotelzimmerfenster machen können.
Wäre realistischer gewesen. Und billiger.“
(Publikum lacht leise)
Aber gut. Die Amerikaner fanden’s toll.
Sie standen da und nickten bedeutungsvoll.
Ich hab auch genickt. Aus Höflichkeit.
Und weil ich dachte: „Vielleicht kommt gleich jemand und erklärt’s mir…“
(Pause)

Kam aber keiner.
(Publikum lacht leise)

Fazit – Sonne schlägt Farbe

Und so bin ich rausgegangen.
Ein bisschen ratlos. Ein bisschen müde.
Draußen war es auch bunt.
Aber da war es wenigstens die echte Sonne.
(Pause, Ende)

📌Rüdiger Hoffmann (Kabarettist)
📌Henri Matisse
📌Offenes Fenster in Collioure

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