Robert Lembkes „Was bin ich?“ – Blick auf Bonnards „Das Fenster“
„Was bin ich?“
Robert Lempke:
„Guten Abend, meine Damen und Herren. Unser heutiger Kandidat ist ein Werk, das… sagen wir: eine gewisse Eigenständigkeit im Umgang mit den Regeln der Kunst zeigt.
Rateteam, Sie dürfen beginnen. Und keine Sorge — ich helfe ein wenig.“
❓ 1. Frage
Team: „Ist die Perspektive gelungen?“
Kandidat:
„Nein. Gelungen wäre ein großes Wort. Man sieht Fensterbrett und Fenster gleichzeitig — als hätten beide vergessen, wer vorne und wer hinten ist.“
Lempke (schmunzelnd):
„Ja, das ist manchmal schwierig. Auch für Fenster.“
❓ 2. Frage
Team: „Sind Personen auf dem Bild?“
Kandidat:
„Ja, Personen sind vorhanden.“
Lempke:
„Sehr schön. Wir nähern uns.“
❓ 3. Frage
Team: „Wirken diese Personen lebendig?“
Kandidat:
„Eher nicht. Die Dame rechts auf dem Balkon wirkt, als sei sie mehr angedeutet als anwesend.“
Lempke:
„Nun, manche Menschen sind ja auch im echten Leben eher zurückhaltend.“
❓ 4. Frage
Team: „Ist eine solide, fundierte Zeichnung erkennbar?“
Kandidat:
„Nein. Die Zeichnung hält sich sehr im Hintergrund.“
Lempke:
„Das tut sie bei manchen Künstlern grundsätzlich.“
❓ 5. Frage
Team: „Wurde mit feinen Lasuren und Übergängen gearbeitet?“
Kandidat:
„Nicht wirklich. Die Farben wechseln recht unvermittelt.“
Lempke:
„Ah ja, das kenne ich von meinen Hemden.“
❓ 6. Frage
Team: „Dann ist es bestimmt ein Aquarell, richtig?“
Kandidat:
„Nein. Auch wenn es so wirkt — es ist tatsächlich ein Ölbild.“
Lempke:
„Ein Ölbild, das wie ein Aquarell aussieht. Das ist… originell.“
❓ 7. Frage
Team: „Ist das Bild von einem Anfänger oder Hobbymaler?“
Kandidat:
„Nein. Der Maler war durchaus etabliert.“
Lempke:
„Das beruhigt — oder beunruhigt, je nach Blickwinkel.“
❓ 8. Frage
Team: „Viel ist das Werk dann bestimmt nicht wert, richtig?“
Kandidat:
„Doch. Es wurde bezahlt. Und nicht zu knapp.“
Lempke:
„Ja, Kunst hat ihren Preis. Manchmal auch ihren Mut.“
❓ 9. Frage
Team: „Wer war denn so zuversichtlich? Ein Freund des Künstlers?“
Kandidat:
„Nein.“
Lempke:
„Freunde sind ja oft ehrlich. Das wäre vielleicht schwierig geworden.“
❓ 10. Frage
Team: „Nicht etwa ein Museum…?“
Kandidat:
„Ja.“
Lempke (mit einem wissenden Nicken):
„Ich dachte es mir.“
🛎️ Robert Lempke – Die Auflösung
„Meine Damen und Herren, Sie haben es erraten.
Wenn ein Museum wie die Tate Gallery ein Bild erwirbt, dessen Perspektive sich selbst widerspricht, dessen Figuren kaum lebendig wirken, dessen Zeichnung sich rar macht und dessen Öltechnik an ein verwaschenes Aquarell erinnert…“
🎨 Auflösung: Pierre Bonnard – Das Fenster (1925)
„…dann handelt es sich selbstverständlich um moderne Kunst.
Lembkes Fazit: „Wissen Sie, meine Herrschaften, man kann es drehen und wenden, wie man will. Mancher nennt es 'Atmosphäre', mancher nennt es 'Lichtspiel'. Aber wenn man sich die fehlende Perspektive, die leblose Figur und die vage Zeichnung ansieht, dann erinnert man sich an den alten Satz: Kunst kommt von Können. Und wenn man dieses Bild betrachtet, drängt sich einem unweigerlich das Gefühl auf, dass der Maler es schlicht und ergreifend nicht besser konnte. Aber das, meine Damen und Herren, ist eben die Freiheit der modernen Kunst!“
Robert Lembke: „Gehen Sie bitte rüber zum Schweinderl und füttern Sie es. 50 Mark für eine wertvolle Lektion in Sachen Kunst!“
📌Robert Lempke📌Was bin ich?
📌Pierre Bonnard
📌Das Fenster

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