Reich-Ranickis Blick auf Sérusiers „Abschied von Gauguin“
![]() |
| Paul Sérusier - L'Adieu à Gauguin (1906) (65 cm x 92 cm) |
(Reich-Ranicki wirft die Arme in die Luft, lässt sie schwer auf die Stuhllehnen fallen. Er beugt sich nach vorn, die Augen zusammengekniffen.)
Nein! Nein!
Lassen Sie mich bitte ausreden! Lassen Sie mich ausreden!
(Eine Pause. Es ist totenstill.)
Meine Damen und Herren, dieses Bild ist schrecklich.
Nicht interessant schlecht. Nicht diskussionswürdig schlecht. Sondern schrecklich, von Grund auf schrecklich.
L’Adieu à Gauguin von Paul Sérusier – schon dieser Titel ist eine Anmaßung. Abschied! Das klingt nach Drama, nach Verlust, nach innerer Bewegung. Aber was sehen wir? Starre. Leere. Geistlosen Stillstand. Dieses Bild ist tot – und es war nie lebendig.
(Zwischenruf: „Aber es ist doch symbolistisch gemeint!“)
— Ach bitte! Symbolismus ist keine Entschuldigung für Gedankenarmut!
Und kommen Sie mir nicht mit Gauguin! Dieser Mann war kein Heiliger der Kunst, kein Titan, kein Erlöser. Er war ein maßlos überschätzter Selbstdarsteller, ein Produzent von Mythen, vor allem von seinen eigenen. Und nun wird es grotesk: Einer, der nichts kann, verabschiedet sich von einem, der kaum mehr konnte.
Mittelmaß verabschiedet Mittelmaß.
Das ist kein künstlerischer Dialog, das ist eine Farce.
Schauen Sie sich diese Farben an!
(Zwischenruf: „Die Farben sind doch bewusst flächig!“)
— Bewusst? Sie sind stumpf! Dieses schmutzige Grün, dieses matte Braun – das ist keine Entscheidung, das ist Ermattung. Diese Farben sprechen nicht, sie kämpfen nicht, sie riskieren nichts. Das ist kein Kolorit, das ist farbiges Schweigen.
Und die Figuren, meine Damen und Herren!
(Zwischenruf: „Es geht doch nicht um Anatomie!“)
— Doch! Es geht immer um Können!
Diese Gestalten stehen da wie hölzerne Attrappen, ohne Gewicht, ohne Beziehung, ohne Leben. Keine Perspektive, kein Raum, kein Licht. Sérusier hat nicht vereinfacht – er hat alles weggelassen, was ein Maler können müsste. Das ist kein Stil, das ist ein Defizit, das sich als Programm tarnt.
(Er winkt ab, zunehmend ungehalten.)
Und wissen Sie, was mich daran am meisten empört? Diese Selbstverständlichkeit des Nicht-Könnens! Diese freche Annahme, Unfähigkeit sei schon Tiefe. Das kenne ich nur zu gut aus der Literatur!
Heute glaubt jeder Dahergelaufene, der zwanzig Wörter hintereinander setzen kann, er sei ein Schriftsteller. Ein großer Schriftsteller! Ein Erneuerer! Ein Thomas Mann! Man kann keinen Satz bauen, keinen Rhythmus, keinen Gedanken – aber man nennt es „experimentell“. Und genau dasselbe geschieht hier in der Malerei!
(Zwischenruf: „Aber Können ist doch nicht alles!“)
— Doch! Ohne Können ist alles nichts! Erst wer etwas beherrscht, darf es weglassen. Erst wer Form besitzt, darf sie zerstören. Sérusier aber hatte keine Form. Er hatte nichts, was er hätte auflösen können.
Man entschuldigt dieses Bild mit Theorien, mit Manifesten, mit kunsthistorischem Gerede. Aber, meine Damen und Herren: Theorien ersetzen keine Begabung! Ein Mangel wird hier zur Tugend erklärt, eine Leere zur Haltung erhoben. Das ist keine Avantgarde – das ist Bequemlichkeit mit intellektuellem Alibi.
Und dann hängt man so etwas ins Museum!
(Zwischenruf: „Aber historisch ist es doch relevant!“)
— Historisch relevant ist auch vieles Schlechte! Relevanz ersetzt keine Qualität!
Dieses Bild denkt nicht.
Dieses Bild fühlt nicht.
Dieses Bild fordert nichts.
Es ist belanglos.
Es ist dilettantisch.
Es ist schrecklich.
(Er lehnt sich zurück.)
Und ich sage Ihnen: Wenn wir dafür Beifall klatschen, dann verabschieden wir uns nicht von Gauguin –
sondern von der Kunst.
📌Paul Sérusier
📌Abschied von Gauguin

Kommentare
Kommentar veröffentlichen