Loriots Blick auf Arshile Gorkys „Portrait of Master Bill“
Eine kunsthistorische Betrachtung des „Master Bill“
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| Arshile Gorky - Portrit of Master Bill (1937 ca.) (132,4 x 101,9 cm) |
Ehrfurcht vor dem Meisterwerk
„Meine Damen und Herren, wenn wir uns heute dem Œuvre des geschätzten Arshile Gorky zuwenden, so tun wir dies mit jener feierlichen Ruhe, die große Augenblicke der Menschheit begleiten. Sein Portrait of Master Bill ist – ich sage das in aller gebotenen Bescheidenheit – das vollkommenste Bildnis, das jemals in Öl gefasst wurde. Danach kommt lange nichts. Und dann vielleicht die Mona Lisa, die sich in dieser Nachbarschaft redlich bemüht.“
Die Kraft des Autodidakten
„Besonders rührend – ja, geradezu ermutigend – ist die Tatsache, dass Gorky als Autodidakt zu solcher Höhe gelangte. Ohne die lästige Daueraufsicht akademischer Zeichenklassen, ohne das monotone Rascheln von Proportionslehren, hat er sich jene Freiheit bewahrt, die wahre Größe erst möglich macht. Wo andere Jahre mit Gipsabgüssen zubringen, greift er beherzt zum Pinsel und vertraut auf das Wesentliche: sich selbst. Man sieht: Es geht auch ohne.“
Anatomie als Triumph
„Betrachten wir die Anatomie. Gorky verzichtet wohltuend auf jene schulmeisterliche Korrektheit, mit der uns die Renaissance so hartnäckig behelligt. Knochen werden hier nicht kleinlich kalkuliert – sie werden großzügig interpretiert. Ganz besonders die Arme verdienen unsere Aufmerksamkeit. Diese herrlich großzügig geratenen, von monumentaler Fülle getragenen Gliedmaßen sind keine bloßen Extremitäten – sie sind ein Triumph autodidaktischer Entschlusskraft. Während akademisch geschulte Maler womöglich gezögert hätten, schreitet Gorky voran. Diese Arme haben Gewicht. Man könnte sich ihnen anvertrauen. Unproportional? Keineswegs. Selbstbewusst.“
Perspektive ohne Zwang
„Die Perspektive wiederum zeigt eine seltene Souveränität. Frei von schulischer Bevormundung entfaltet sich ein Raum, der sich nicht an Lehrbücher klammert. Dreidimensionalität wird hier nicht pflichtschuldig simuliert, sondern höflich relativiert. Das ist Mut.“
Augen wie Monumente
„Und dann die Augen. Diese wunderbar tiefen, vollkommen unbewegten Augen! Kein hektisches Funkeln, kein demonstratives Innenleben. Stattdessen eine Ruhe, die nur jemand erreicht, der nie gelernt hat, wie man „richtig“ schaut – und es deshalb vollkommen richtig tut. Diese herrlich leblos wirkenden Augen verweilen mit einer Konsequenz, die an Endgültigkeit grenzt.“
Das Fazit der Vollkommenheit
„Dieses Porträt beweist, dass wahre Meisterschaft nicht im Befolgen von Regeln liegt, sondern im eleganten Ignorieren derselben. Ein Werk von solcher Vollendung, dass man unwillkürlich erwägt, sämtliche Akademien in freundliche Lesezirkel umzuwandeln. Man bleibt davor stehen. Und nickt.“
📌Loriot📌Arshile Gorky
📌Portrait of Master Bill

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