Lenbachs Blick auf Jawlenskys „Selbstportät“
Bunte Maskerade statt Seelentiefe
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| Alexej von Jawlensky - Selbstporträt (1912) (65,5 x 44,5 cm) |
Vom Fundament der Kunst
Wie oft habe ich dem strebsamen Jüngling, der von der Kunst mehr wissen will als bloß Mode und Eitelkeit, eingeschärft: Die Kunst beginnt im Handwerk und ruht im Studium der großen Meister. Nicht im Spiel mit lauter Farbe, nicht im Zerschlagen von Formen, nicht im Ausgießen williger Dilettantenphantasien über die Leinwand ist der Weg zu Größe zu suchen – sondern in der ehrlichen, geduldigen Nachahmung des Wesentlichen, der Zeichnung, der Komposition, der Beobachtung des lebenden Modells und der Natur. Nur so wird aus einem Gekritzel ein Gemälde, aus einem Klischee ein Kunstwerk.
Die Enttäuschung
Und dann sehe ich jenes „Selbstporträt“ von Alexej von Jawlensky aus dem Jahre 1912 und mein Herz schmerzt. Was soll ich einem jungen Maler sagen, wenn ein Künstler sich selbst entstellt wie ein Narr im Zirkus? Wo ist hier die Achtung vor Proportion, vor Licht und Schatten, vor dem ehrlichen Blick des Menschen? Stattdessen: flackernde Farben ohne Gewicht, Linien, die tanzen, statt zu fesseln; Gesichtspartien, die maskenhaft sind und jede greifbare Wahrheit des Antlitzes verleugnen. Hier dominiert Abstraktion, wo einst Zeichnung und Charakter herrschen sollten. Wo einst der Blick des Meisters suchend durch den Raum glitt, verliert sich hier das Auge in einem taumelnden Kaleidoskop.
Vom Wesen des Blicks
Und doch ist es gerade der Blick, der im Porträt alles entscheidet. Ich habe stets den Hauptakzent auf die Augen gelegt, denn in ihnen wohnt das Innere des Menschen. Dort sammelt sich sein Denken, sein Zweifel, sein Stolz, seine Müdigkeit – kurz: sein Wesen. Alles andere im Bild darf zurücktreten, darf dienen, darf ordnen; aber die Augen müssen sprechen. In diesem bunten Gefüge jedoch werden selbst sie zu bloßen Farbflächen, eingepasst in ein dekoratives System, das mehr nach Wirkung strebt als nach Wahrheit. Sie schauen nicht – sie erscheinen.
Ein Irrlicht für die Jugend
Ist dies etwa der Lohn harter Studien, ein Siegeszeichen technischer Meisterschaft? Nein. Es ist der Ausdruck eines Zeitgeistes, der die Schule lächelt, die Tradition verspottet und jedwede Disziplin als „Bremse der Freiheit“ verbannt. Junger Künstler! Höre meinen Rat: Lerne zeichnen, als hinge dein Leben davon ab. Studiere das Fleisch, bevor du es verfremdest, verstehe das Licht, ehe du es zerreißt, und erwirb dir die Technik, ehe du sie verrätst. Dann – und nur dann – magst du von deiner inneren Vision sprechen. Aber dieses Bild hier? Es ist kein Pfadweiser, sondern ein Irrlicht, das den Suchenden in den Sumpf der Beliebigkeit lockt.
Schlussbetrachtung
O weh! Wäre es ein Studienblatt, mangelhaft vielleicht, aber doch ehrlich im Streben – ach, ich würde es mit Nachsicht betrachten. Doch dies hier ist ein fertiges Werk, angekauft vom Belvedere, präsentiert als Kunst. Und so verbleibe ich enttäuscht: denn was dieser Jawlensky einem jungen Maler als Vorbild hinstellt, ist ein Manifest der Beliebigkeit statt ein Ruf zur Meisterschaft.
📌Franz von Lenbach📌Alexej von Jawlensky
📌Selbstporträt
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