Knigges Blick auf Gauguins „Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?“

Gauguins Monument der Maßlosigkeit – ein einziger Affront gegen Anstand, Ordnung und Menschenachtung

Paul Gauguin - Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897)
(139,1x 374,6 cm) 

Von der Pflicht zur Schamhaftigkeit

Wenn ich das Gemälde Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? betrachte, so muss ich mit allem Ernst erklären, dass die unverschleierte Nacktheit der dargestellten Gestalten gegen jene Schamhaftigkeit verstößt, die ich als unerlässliche Bedingung des geselligen Betragens ansehe. Der Mensch schuldet seinem Nebenmenschen Rücksicht; wer ihn ohne Not mit bloßer Leiblichkeit konfrontiert, missachtet diese Pflicht. Es ist ein Irrtum zu glauben, Offenheit bestehe darin, alles zu zeigen. Wahre Rücksicht besteht darin, zu wissen, was man verschweigt.

Von der Unordnung als Zeichen mangelnder Selbstzucht

Nicht minder tadelnswert ist die verworrene Anordnung des Bildes. Die Figuren stehen ohne klare Beziehung, die Gedanken ohne erkennbare Ordnung. Ein geübter Geist bemüht sich, dem Nächsten Klarheit zu verschaffen; ein Künstler, der seine inneren Regungen ohne Maß auf die Leinwand wirft, verlangt vom Betrachter, seine Unordnung auszuhalten. Dies ist eine Zumutung. Ordnung ist eine Form der Höflichkeit, und wer sie missachtet, zeigt Mangel an Selbstbeherrschung.

Von der Schwermut, die den Mitmenschen beschwert

Der Grundton des Werkes ist düster, ja niederdrückend. Ich habe stets geraten, selbst ernste Wahrheiten so mitzuteilen, dass sie den Mut des Anderen nicht brechen. Doch hier wird dem Betrachter eine Resignation zugemutet, die jede Zuversicht erstickt. Ein Mensch, der seine Schwermut der Welt aufdrängt, handelt nicht edel; er belastet andere mit dem, was er selbst nicht zu tragen vermag.

Von der Missachtung fremder Sitten

Besonders bedenklich ist der Umgang mit dem Fremden. Die Bewohner Tahitis erscheinen nicht als Menschen eigener Würde, sondern als Mittel zur Darstellung der Grübeleien des Künstlers. Ein Weltmann aber begegnet fremden Sitten mit Achtung, nicht mit Aneignung. Wer das Fremde nur benutzt, um sich selbst auszudrücken, verfehlt die Pflicht zur Rücksicht, die wir allen Menschen schulden.

Von der Aufdringlichkeit der übermäßigen Größe

Schließlich muss ich die maßlose Größe des Werkes rügen. Ein Bild, das sich durch schiere Ausdehnung aufdrängt, zeigt nicht Größe, sondern Mangel an Bescheidenheit. Wer den Raum derart beansprucht, nimmt dem Betrachter die Freiheit, sich zu nähern oder fernzubleiben. Mäßigung ist die erste Tugend des geselligen Betragens; wo sie fehlt, entsteht Aufdringlichkeit.

So zeigt dieses Werk, wie leicht der Mensch, von seinem eigenen Genius geblendet, jene Regeln des Anstands aus dem Auge verliert, die das Fundament eines wahrhaft menschlichen Umgangs bilden.

📌Adolph Knigge
📌Über den Umgang mit Menschen
📌Paul Gauguin
📌Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?

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