Karl Marxs Blick auf Émile Bernards „Gelber Christus“

Das Opium der Bourgeoisie im Rahmen des Kapitals

Émile Bernard - Gelber Christus (1889)
(70 × 60 cm)

I. Das Opium im Goldrahmen: Der Fetischcharakter der bürgerlichen Kunst

Ein neues Gespenst geht um durch die wohltemperierten Hallen der Museen – das Gespenst der kleinbürgerlichen Frömmigkeit in Öl. Man nennt es „Gelber Christus“, doch in Wahrheit ist es nur der ausgebleichte Hausgötze einer Klasse, die ihre eigene Verkommenheit hinter Farbklecksen verstecken will. Hier wird nicht der Christus der Armen gezeigt, nicht der Aufstand gegen die Händler im Tempel, sondern das sanft sedierende Götzenbild, das die ausgebeuteten Massen zur Demut erziehen soll.

II. Die Tilgung der lebendigen Arbeit: Materielle Leere unter gelbem Firnis

Seht, wie dieser Christus, krankhaft gelb, wie vom Gold der Bourgeoisie vergiftet, über einer Landschaft hängt, aus der jede Spur wirklicher Arbeit getilgt ist. Kein Schweiß, kein Schmutz, kein Ackergerät – nur dekorative Felder, glattgebügelt wie das Gewissen des Besitzers. Die knienden Bäuerinnen sind keine realen Frauen aus Fleisch und Blut, sondern hölzerne Marionetten, deren Rücken sich beugen, damit die bestehenden Verhältnisse umso gerader stehen. Hier ist das Volk nicht Subjekt der Geschichte, sondern Staffage für die religiöse Beruhigungstablette.

III. Die ästhetische Bankrotterklärung: Dilettantismus als ideologisches Manöver

Und wie dilettantisch ist dieses ganze Manöver ausgeführt! Die Formen platt, die Perspektive kindisch, die Farben schreiend und zugleich geistlos. Die angebliche „Stilisierung“ ist nichts als künstlerische Bankrotterklärung: Unfähigkeit wird zur „Symbolik“ geadelt, Ungenauigkeit zur „Modernität“. Das Bild ist wie die Bourgeoisie selbst: laut, selbstverliebt, innerlich hohl. Statt das Elend der Lohnsklaverei sichtbar zu machen, serviert Bernard ein Süppchen aus Pseudomystik und Provinzfrömmigkeit. Es ist die malerische Form jenes Opiums, das das Bewusstsein einnebelt.

IV. Die Musealisierung des Überbaus: Wenn das Kapital den Gekreuzigten pachtet

Dass dieser gelbe Abgott museal geweiht wird, ist kein Zufall. Dort, wo die herrschende Klasse ihren geistigen Überbau ausstellt, hängt er als frommes Aushängeschild: Seht her, sagen sie, wir verehren noch einen Gekreuzigten – während sie draußen die lebendigen Christusgestalten, die Arbeiter, an die Maschine nageln. Dieser Christus erlöst niemanden, er betäubt nur.

V. Der revolutionäre Bruch: Vom Rahmen der Ehrfurcht zur befreiten Tat

Proletarier, ihr habt nichts zu verlieren als diese gelb getünchten Fesseln! Stoßt solche Leinwände aus ihrem sakrosankten Rahmen – nicht um Kunst zu zerstören, denn hier ist keine, sondern um den ideologischen Wandschmuck der Herrschenden zu entlarven. Man hat euch Ehrfurcht vor dem Rahmen gelehrt, damit ihr die Leere dahinter nicht erkennt. Was nicht aufklärt, nicht aufrüttelt, nicht die Verhältnisse bloßlegt, ist keine Kunst – sondern gelb angestrichene Unterwerfung.

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