Josef K. Blick auf Hilma af Klints „Urchaos, Nr. 16“
Die Spirale schnürt mir langsam die Kehle zu
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| Hilma af Klint - Urchaos, Nr. 16 (1906–07) |
Man übergab mir das Blatt nicht direkt. Es lag bereits auf dem Tisch, als sei es schon immer dort gewesen. Urchaos, Nr. 16. Der Titel stand da wie ein Aktenzeichen, unter dem mein Name fehlte, weil man ihn nicht mehr für nötig hielt. Niemand erklärte mir etwas. Sie warteten. Und dieses Warten war schlimmer als jede Anklage.
Ein Wirrwarr ohne Einspruch
Ich zwang mich hinzusehen. Blaue und grüne Flächen, sauber voneinander getrennt, aber ohne erkennbare Notwendigkeit, wie Paragraphen, die einander nicht widersprechen und gerade deshalb nichts sagen. In der Mitte diese gelbe Spirale, endlos, selbstzufrieden, als habe sie beschlossen, niemals anzukommen. Ich hatte das Gefühl, sie bewege sich nur, um mich zu verwirren. Zeichen waren darin, oder das, was man mir als Zeichen ausgab: ein „W“, ein „U“, vielleicht auch nur Zufälle, die man später zu Beweisen erklären würde. Ich fragte mich, ob ich sie falsch las — oder ob genau das mein Fehler sein sollte.
Die Methode des Unverständlichen
Je länger ich hinsah, desto deutlicher wurde mir, dass dieses Bild nichts darstellt, weil Darstellung hier als Verdacht gilt. Kein Gegenstand, kein Raum, keine Perspektive, an der man sich festhalten könnte. Alles ist Ausrede. Man nennt es Chaos, aber es ist ein diszipliniertes Chaos, eines, das genau weiß, dass es nicht überprüfbar ist. Es erinnerte mich an die Zeichnungen aus dem Kindergarten: fleißig, bunt, vollkommen folgenlos. Doch dort war es erlaubt. Hier jedoch wird mir mit ernster Stimme versichert, es handle sich um höchste Erkenntnis. Ich spürte, dass Widerspruch zwecklos war. Wer hier nach Können fragt, verrät sich.
Das lautlose Urteil
Plötzlich verstand ich: Nicht ich betrachtete das Bild – das Bild betrachtete mich. Es prüfte, ob ich bereit war, mich schuldig zu fühlen. Und ich war es. Denn wenn dies Kunst ist, dann bin ich der Ungebildete, der Rückständige, der Unfähige. Die Regeln hatten sich geändert, ohne dass man mich benachrichtigt hatte. Und genau darin lag ihre Macht.
Die endgültige Verunsicherung
Sie sahen mich an, wartend, geduldig, als müsse ich nur noch zustimmen, um erlöst zu werden. Aber ich konnte nichts sehen außer Beliebigkeit, erhoben zur Doktrin. Ich wollte sagen, dass hier nichts sei — doch das Wort „nichts“ kam mir verdächtig vor, als könne man es gegen mich verwenden. Also schwieg ich. Und in diesem Schweigen begriff ich mit wachsender Panik: Das Bild war nicht dilettantisch. Es war unantastbar. Und das war das eigentliche Vergehen.
📌Josef K.📌Der Prozeß
📌Franz Kafka
📌Hilma af Klint
📌Urchaos, Nr. 16

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