Jordaens' Blick auf Gauguins „Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?“
Blutleeres Bild ohne Saft und Kraft
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| Paul Gauguin - Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897) (139,1x 374,6 cm) |
Ein kühner Spruch über Gauguins armseliges Tun
Höret, ihr Liebhaber der Malerei, und vernehmet mein Urteil über jenes Gemälde, das man mit hochfahrenden Fragen überschreibt: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Als bedürfte es solcher Buchstaben, um der Malerei Tiefe zu leihen! Denn wo das Bild wahrhaft lebt, da schweigt die Schrift.Die leblosen Figuren, gleich Schatten ohne Fleisch
Was mir hier entgegentritt, ist kein Werk voll Saft und Blut, sondern ein mattes Tuch, dem der Atem fehlt. Die Figuren stehen da wie ausgeschnittene Schatten, ohne Gewicht, ohne Wärme, als seien sie aus Wachs geformt und im falschen Augenblick erstarrt. Ihre Glieder tragen keine Last, ihre Haut kennt kein Fleisch, kein Schweiß, kein Begehren. Ich sehe Farben, ja – doch sie sind stumpf gesetzt wie rohe Steine, nicht gemischt, nicht durchgeistigt, ohne die zarte Feinheit der Lasur, ohne die fließenden Übergänge, die ein geübter Meister mit sicherer Hand schafft. Sie singen nicht miteinander, sie raufen sich nicht, sie lieben sich nicht. Alles wirkt wie das Werk eines Amateurs, dilettantisch hingeworfen, ohne das Wissen um Licht, Schatten und Fleischlichkeit.Die trügerische Fremdland-Idylle, arm an Seele
Der Maler glaubt wohl, im Fremdländischen liege schon die Wahrheit. Doch diese nackten Gestalten sind ärmer an Leben als die dickste Marktfrau in Antwerpen. Kein Lachen kräuselt ihre Münder, kein Schmerz zieht durch die Schultern, kein Alter lastet auf den Rücken. Geburt, Reife und Tod – alles wird behauptet, nichts wird gezeigt. Symbole liegen herum wie schlecht geworfene Requisiten, ein Götze hier, ein Kind dort, doch kein inneres Feuer verbindet sie.Was ein Alter Meister mit Feuer und Fleisch gezeigt hätte
Ein Altmeister – und ich sage dies ohne falsche Demut – hätte den Menschen von innen heraus gemalt: mit prallen Leibern, mit lasterhaften Augen, mit der ganzen Komödie und Tragödie des Daseins im Gesicht. Ich hätte euch gezeigt, woher wir kommen: aus dem Bauch, aus der Begierde. Wer wir sind: Sünder, Fresser, Liebende. Wohin wir gehen: mit Angst, mit Hoffnung, mit zitternden Knien.Ein stummer Prediger auf leerem Tuch
Hier aber herrscht Leere unter dem Vorwand der Weisheit. Das Bild fragt viel und antwortet nichts. Es ist ein Prediger ohne Stimme, ein Fest ohne Wein. Gauguin mag im fernen Süden nach der Seele gesucht haben, doch er hat vergessen, dass die Seele im Blut und im Schmalz sitzt, nicht in flachen, dunklen Schatten auf grobem Tuch.📌Jacob Jordaens
📌Paul Gauguin
📌Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?

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