Jiddu Krishnamurtis Blick auf Tanguy „Je suis venu comme j'avais promis, Adieu“
Die Täuschung des Traums: Warum das Bild des Ichs keine Wahrheit kennt
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| Yves Tanguy - Je suis venu comme j'avais promis, Adieu (1926) (100 x 73 cm) |
Die Projektion der inneren Unruhe
„Sehen Sie, wir müssen uns fragen, warum wir so fasziniert sind von dem, was wir das ‚Unbewusste‘ nennen. Warum wir diesen Bildern so viel Bedeutung beimessen. Betrachten wir gemeinsam dieses Werk – dieses ‚Ich bin gekommen, wie ich es versprochen hatte. Leb wohl‘. Dort sind diese seltsamen, fast kindlichen Formen; eine weiße, schemenhafte Gestalt, die wie ein Geist aus einem violetten Nebel tritt, verloren dreinblickende Person und Linien, die sich im Leeren verlieren. Man sagt uns, es sei ein Traum, eine Reise in das Innere. Aber ist das Innere nicht meistens nur ein staubiger Dachboden voller alter Erinnerungen, Ängste und Sehnsüchte?“
Das Unvermögen hinter dem Symbol
„Sehen Sie sich die Leinwand genau an. Man erkennt sofort, dass die Hand, die dies malte, keine Disziplin kannte, kein Handwerk. Es ist die Arbeit eines Geistes, der sich selbst beigebracht hat, seine eigene Verwirrung zu projizieren. Es ist so offensichtlich – nicht wahr? –, dass hier jemand versucht zu sprechen, der die Sprache der Form nie gelernt hat. Da ist keine Meisterschaft, nur ein Tasten. Und weil er die Ordnung der Materie nicht beherrscht, flüchtet er in das Ungefähre, in das Vage, und nennt es Kunst.“
Das Gefängnis des „Ich“
„Das Bild zeigt uns eine Trennung, einen Abschied. Aber wer ist es, der sich verabschiedet? Es ist immer noch das ‚Ich‘, das sich in seinen eigenen Träumen wichtig nimmt. Wenn Sie sich an Ihre Träume klammern, wenn Sie diese Symbole kultivieren, dann schmücken Sie nur Ihr Gefängnis. Ein Geist, der in privaten Symbolen schwelgt – seien es religiöse oder diese surrealen Gebilde –, ist kein freier Geist. Er ist ein Geist, der Angst vor der direkten Wahrnehmung der nackten Wirklichkeit hat.“
Wahre Disziplin jenseits des Wissens
„Wissen Sie, wahre Disziplin hat nichts mit dem bloßen Ansammeln von Techniken zu tun, aber sie erfordert eine unerbittliche Klarheit des Sehens. Wenn ein Autodidakt sich weigert zu lernen, wie man eine Linie mit absoluter Präzision zieht, dann verweigert er sich der Ordnung. Er ersetzt die Beobachtung durch das Gefühl. Doch Gefühle sind trügerisch; sie sind Reaktionen des Gestern. Wahre Kunst entsteht erst, wenn das Gehirn so geschult und gleichzeitig so still ist, dass es die Welt ohne die Verzerrung durch das eigene Unvermögen spiegeln kann.“
Die Stille jenseits der Leinwand
„Warum brauchen wir diese bizarren Landschaften? Ist die Blume am Wegrand, ist der Flug eines Vogels nicht genug? Um die Wahrheit zu sehen, muss das Bildermachen aufhören. Dieses Gemälde ist kein Ende der Verwirrung, es ist die Fortsetzung der Verwirrung durch andere Mittel. Erst wenn wir dieses Festhalten an unseren inneren Bildern, an unseren privaten Träumen loslassen, erst wenn das ‚Ich‘ mit all seinen Versprechungen und Abschieden schweigt – erst dann ist Schönheit da. Und diese Schönheit braucht keine Leinwand.“
📌Jiddu Krishnamurti📌Yves Tanguy
📌Je suis venu comme j'avais promis, Adieu
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