Jacob van Ruisdaels Blick auf Monets „Impression, Sonnenaufgang“
Ein Sendschreiben über die Verwahrlosung der Malkunst
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| Claude Monet - Impression, Sonnenaufgang (1872) (48 × 63 cm) |
Mein werter und getreuer Freund,
man brachte mir jüngst Kunde von einem Werk eines gewissen Claude Monet, das in Paris als neue Offenbarung der Malerei gerühmt wird. Es trägt den hochtrabenden Titel „Impression, Sonnenaufgang“. Ich gestehe Dir: Als ich dieses Machwerk erblickte, schmerzte es nicht nur meine Augen, sondern meine Ehre als Maler. Was dort als vollendet gerühmt wird, hätte in meiner Werkstatt kaum den Rang einer flüchtigen Notiz beansprucht, die man am Abend zur Reinigung des Pinsels nutzt.
Das Skelett ohne Fleisch
Betrachte das Wasser: Es ist ohne Grund und Gegengewicht. Es trägt nichts und wird von nichts getragen. Wo wir mit unzähligen Lasuren die Tiefe des Kanals ergründeten, bis das Auge in die kühle Transparenz sinken konnte, setzt dieser Franzose nur plumpe, horizontale Hiebe aus ungemischtem Pigment. Es fehlt das Spiel der Reflexionen, der Widerhall des Himmels im Nass. Es sind nur eilfertige Striche, die behaupten, Meer zu sein, ohne jemals die Mühe der Formwerdung auf sich genommen zu haben.
Die Dreistigkeit des Unfertigen
Wir Alten fertigten hunderte solcher Ölskizzen im Jahr, um das Flüchtige zu prüfen: das Brechen des Lichts an einer Welle, den flüchtigen Atem eines Nebels. Doch sie waren uns Mittel, nicht Ziel; Werkzeuge, nicht Werke. Niemals hätten wir die bodenlose Kühnheit besessen, diese Fingerübungen zu signieren oder sie einem ehrbaren Käufer als reife Frucht darzureichen. Dass Monet dieses formlose Gekritzel als vollendet ausgibt, ist kein künstlerischer Akt, sondern ein Verrat an der Mühe des Handwerks.
Handwerkliche Nachlässigkeit statt Meisterschaft
Dieser sogenannte „Impressionismus“ entspringt einer beklagenswerten Bequemlichkeit. Wer den bloßen ersten Anschein bereits für ausreichend hält, verkennt die Ordnung der Natur. Wer nicht ringt, wer nicht entscheidet, wer das Gewand der Formen nicht in seiner Würde festigt, der kann nur oberflächliche Schriften schaffen, die den Markt füllen, aber kein ehrliches Werk hervorbringen. Die Sonne in diesem Bild – ein bloßer Farbtupfer, kühn gesetzt, doch ohne Durchdringung der Luft und des Wassers – ersetzt die mühsame Arbeit an Licht und Atmosphäre durch ein bloßes Zeichen.
Malerei ist die geduldige Durchdringung der Natur, ein Schichten von Wahrheit auf Wahrheit. Wo die Entscheidung des Geistes fehlt, bleibt nur ein flackernder Schein. Und ein solcher Schein, mein Freund, mag das unkundige Auge betören – doch vor dem Urteil der Ewigkeit wird er wie Rauch vergehen.
In aufrichtiger Freundschaft verbleibe ich
Dein ergebener
Jacob van Ruisdael
📌Jacob van Ruisdael📌Claude Monet
📌Impression, Sonnenaufgang

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