Hemingways Blick auf Picabias „Gummi“

Ernest Hemingway – Aus einem unveröffentlichten Brief an einen befreundeten Maler

Francis Picabia - Caoutchouc / Gummi (ca. 1909)
(45,7 x 61,5 cm)

Paris. Es war das Frühjahr 1929.

Lieber Freund,

ich habe mir heute das Bild von Picabia angesehen. Er nennt es Caoutchouc. Gummi. Der Name ist gut, denn er ist wahr. Es ist ein weiches Ding. Es hat kein Rückgrat. Es ist ein Bild, das versucht, sich vor der Welt zu verstecken, indem es vorgibt, gar nichts zu sein.

Es steht nicht

Das Bild hängt an der Wand wie ein Mann, der vergessen hat, warum er den Raum betrat. Die Farben weichen einander aus. Die Linien wissen nicht, wohin sie gehen sollen, und die Kreise finden kein Ende. Es sind Flecken ohne Ziel. Es ist wie ein Schlag, den man führt, ohne die Schulter hineinzulegen. Es ist kein guter Schlag.

Es gibt nach

Ein Bild muss stehen wie ein stolzes Tier, das seine Bestimmung kennt. Aber dieses hier weicht aus, noch bevor man es ansieht. Es hat keinen Kern und kein Gewicht. Es leistet keinen Widerstand. Es duckt sich weg wie ein Hund, der geschlagen wurde, und bittet um Entschuldigung für seine Existenz.

Es schneidet nicht

Manche nennen es abstrakt. Aber die Abstraktion muss wie ein Messer sein. Ein Messer schneidet nur, wenn der Mann, der es führt, weiß, wo der Knochen sitzt. Hier schneidet nichts. Hier wurde Farbe auf die Leinwand gestrichen, nur weil die Leinwand leer war und der Maler Angst vor der Leere hatte. Es ist die Arbeit eines Mannes, der die Welt nicht gesehen hat und nun glaubt, er könne sie einfach weglassen. Das ist ein Irrtum.

Es hält nicht

Hätte ich ein Buch so geschrieben – ohne Form, ohne Sätze, die wie Pfosten fest im Wind stehen – hätte ich nichts erreicht. Man muss wissen, was man weglässt, aber man muss zuerst wissen, was da ist. Ein Satz muss halten. Er muss etwas tragen können. Dieses Bild trägt nichts. Es hat aufgegeben, bevor der erste Pinselstrich trocken war.

Es ist nichts

Sie nennen es modern, weil sie Angst haben zu sagen, dass es schlecht ist. Aber ein schlechtes Ding bleibt schlecht, egal wie man es nennt. Es ist weich wie Gummi. Es ist leer wie ein Haus, in dem niemand wohnt. Es hat kein Herz und es gab keinen Kampf bei seiner Entstehung.

Es ist Gummi. Es gibt nach. Es ist wie alles auf dieser Welt, das keinen Willen hat.

Schreib mir, wenn du es gesehen hast. Vielleicht täusche ich mich, aber ich glaube nicht. Manchmal ist das Nichts einfach nur das Nichts, und ein Mann sollte das wissen.

E.

📌Ernest Hemingway
📌Francis Picabia
📌Gummi

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