Simplicius' Blick auf Pechsteins „Stilleben mit Akt, Kachel und Früchten“

Ein rechter Misthaufen, den sie Kunst nennen!

Max Pechstein - Stilleben mit Akt, Kachel und Früchten (1913)
(98,5 x 99 cm)

Einfältiger Bericht von einem theuren Betrug dieser Welt

Höret, höret, ihr einfältigen Gemüther, ihr leichtgläubigen Seelen vnd wohl zu reitenden Goldesel, vnd vernehmet, was mir, dem armen Simplicio, widerfahren ist, da ich ein Bild erblickte, welches man mit großem Ernst vnd noch größerem Preiß für hohe Kunst außgibt. Es solle ein Machwerck deß Pechstein seyn, gemahlet im Jahr 1913, vnd habe schier zwo Millionen Euro den Herrn gewechselt. Als ich aber mein einfältig Aug darauff warff, dünckte mich, ich sähe nichts denn groben Vnverstand, so plump vnd unerquicklich gemahlet, als putzte ein besoffener Landsknecht mit zitternder Faust seinen Stiffel im Koth.

Von dem Soldaten auff der Kachel, welcher ein hölzerner Popantz ist

Lincks oben stehet eine Kachel, darauff ein Soldat zu sehen ist, so krumm, kindisch vnd unerquicklich hingekritzelt, als hätte ein kleiner Bengel mit Kohle an der Scheurenwand seine ersten Thorheiten geübet. Ob es ein Kriegsheld seyn solle oder nur ein Pappkamerad, vermag kein Mensch zu sagen. Haltung hat er keine, Tieffe noch weniger, Ernst gar nicht, sondern sitzet allda wie ein hölzerner Popantz vnd hält Wacht über den gantzen Firlefantz, gleich einem dummen Wächter, der selbst nicht weiß, was er bewachen soll.

Von den Früchten, so weder Safft noch Seel haben

Was soll ich aber sagen von dem Obste? Man könte auß lauter Gnade sprechen, die Farben seyen bunt. Doch was hilfft das Bunte, alldieweil alles todt ist? Die Äpfel, Birnen vnd was sonst darfür gelten mag, liegen allda wie matte, truckene Klumpen, dilettantisch hingeworffen wie Lehm, den die Sonne verdorren lassen. Kein Glantz, kein Safft, kein Leben wohnet darinnen; man mag sie nicht essen, sondern wolte sie lieber mit dem Besen außkehren. Vom rechten Handwerck, das Liecht vnd Wesen einzufangen, ist nichts zu verspüren, sondern nur ein fader Geschmack von Sägespänen bleibt dem Aug zurück.

Von der nackten Weibsperson, welche ein verwaschen Gespenst ist

Hinter dem Tisch aber ragt eine nackte Weibsperson empor, die Lotte deß Mahlers, so verwaschen vnd vnförmig, als sähe man sie durch Rauch vnd Ruß einer Garküchen. Nur Arme vnd Oberleib sind zu erkennen, alles bloß angedeutet, hingeschmiert vnd unerquicklich, ohne holde Form oder Zier. Es düncket mich, als habe der Pinsel selbst die Lust verloren oder der Wein die Hand geführt. Das Tischtuch darunter gleichet einem schmutzigen Lazarett-Lacken, ohne Falten, ohne Zierde, ein elender Wisch im farbigen Morast.

Wie auß Gekritzel Gold gemacht wird, vnd die Welt den Verstand verlieret

Vnd nun, o Leser, merke wohl das End dieser Thorheit: Zwo Millionen! Welch alchimistischer Betrug, auß kindischem Gekritzel pures Gold zu machen, alldieweil man die Häßlichkeit zur Kunst erkläret. Wer solches kauffet, der hat den Verstand versoffen oder bey Philistern verpfändet. Es bleibet ein Blendwerck für Gecken, ein Mist-hauffen mit Preiß-Zettel. Pechstein lacht sich ins Fäustchen, alldieweil die Welt vor Kachel-Soldaten vnd verwaschenen Leibern niederkniet vnd mit andächtigem Ernst „Kunst!“ ruffet zu diesem mahlereyischen Furz.

📌Simplicius
📌Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
📌Max Pechstein
📌Stilleben mit Akt, Kachel und Früchten

Kommentare