Freuds Blick auf Bonnards „Die Bernheim-Jeune-Brüder“

Zerflossene Bürgerlichkeit: Wie Brüder unter der Last ihres Unbewussten zerbrechen

Pierre Bonnard - Die Bernheim-Jeune-Brüder (1920)
(166 × 155 cm)

Die Misere des modernen Bürgertums – äußerer Glanz und innere Kälte

Man wird bei der Betrachtung dieses Bildes der Herren Bernheim-Jeune unweigerlich an die Misere des modernen Bürgertums erinnert. Zwei Männer, von Erfolg umgeben, sitzen in einem Interieur, das in warmen Gelb- und Orangetönen glüht – und doch durchzieht die Szene eine eigentümliche affektive Kälte. Der äußere Reichtum erscheint als Hülle; das Innere bleibt unbefriedigt.

Der vordere Bruder: Narzisstische Aufblähung und Abwehr des Schautriebs

Der vordere Bruder, monumental nah und beinahe überproportional, beugt sich über Dokumente, als hinge sein Dasein an Papier und Besitz. Sein Blick weicht aus. Man will gesehen werden, doch nicht erkannt – ein klassischer Abwehrvorgang. Das Schautrieb drängt zur Sichtbarkeit; das Ich fürchtet die Enthüllung. Das narzisstisch aufgeblähte Selbst rückt ins Zentrum und verrät gerade dadurch seine Kränkbarkeit.

Der hintere Bruder und die ödipale Bruderrivalität

Der hintere Bruder, zurückgesetzt, formeller, aufrechter, erscheint wie ein Zeuge seines eigenen Lebens. Zwischen beiden wirkt jene Ambivalenz, die aus frühester Identifikation erwächst: Man will dem Bruder gleichen und ihn zugleich verdrängen. Geschäftliche Einheit kaschiert psychische Rivalität. Der eine trägt Züge der Vater-Imago – beschwert, ordnend, dokumentenfixiert –, der andere die des Erben, aufgerichtet, kontrolliert, doch innerlich distanziert. Erfolg wird zur Ersatzbefriedigung für nie eingelöste kindliche Ansprüche auf Liebe und Anerkennung.

Die hysterische Überkompensation der prunkvollen Umgebung

Die prunkvolle Umgebung wirkt wie hysterische Überkompensation. Wo narzisstische Kränkung droht, wird mit Farbe reagiert. Die warmen Töne des Raumes evozieren eine regressiv-mütterliche Sphäre, kippen jedoch ins Stickige, Übererregte. Geborgenheit verwandelt sich in Beklemmung. Die kühleren Blau- und Violetttöne der Kleidung schneiden sich davon ab – als gehörten die Subjekte nicht in die Welt, die sie selbst errichtet haben.

Die instabile Perspektive als Symptom brüchiger Ich-Struktur

Auch die instabile Perspektive und die mitunter unbeholfen wirkenden Proportionen mögen auf handwerkliche Grenzen verweisen; doch gerade diese Verzerrungen wirken hier wie ein unfreiwilliges Eingeständnis psychischer Wahrheit. Was dem Auge als Mangel erscheint, bestätigt dem Analytiker die brüchige Ich-Struktur dieser Welt. Die unsicheren Konturen lassen Figur und Umgebung ineinanderfließen: Das Subjekt bleibt in seine Objekte verstrickt, unfähig, Besitz, Status und Identität klar zu trennen.

Das Bild als neurotischer Kompromiss und Symptom einer ganzen Klasse

So erweist sich dieses Bild nicht als Feier bürgerlicher Souveränität, sondern als Symptom. Hinter der kultivierten Fassade arbeitet ein konflikthaftes Seelenleben, bestimmt von Ambivalenz, Rivalität und Über-Ich-Druck. Der Maler mag ein Porträt zweier erfolgreicher Kunsthändler intendiert haben; entstanden ist das Dokument einer Klasse, die ihren Triumph nur um den Preis innerer Spaltung behauptet.

📌Sigmund Freud
📌Pierre Bonnard
📌Die Bernheim-Jeune-Brüder

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