Frederic Leightons Blick auf Chabauds „Yvette oder das karierte Kleid“
AN DIE REDAKTION DER TIMES
Zur gefälligen Veröffentlichung in der Morgenausgabe
Betreff: Über den fortschreitenden Verfall der malerischen Sitte und das Phänomen der „Yvette“
Sehr geehrter Herr Redakteur,
Ein Mahnruf aus Kensington
gestatten Sie einem alten Diener der Kunst, das Wort zu erheben, während über Kensington jener Abendglanz liegt, dessen zarte Nuancen die jungen Hände unserer Zeit kaum mehr zu mischen wissen. In einer Epoche, da die Muse der Malerei schwankt wie eine flackernde Fackel im Windstoß, sah ich mich jüngst mit einem Werke konfrontiert, das den Titel „Yvette oder das karierte Kleid“ trägt – eine Leinwand aus der Hand eines gewissen Auguste Chabaud.
Die tiefe Enttäuschung
Eine tiefe, stille Enttäuschung ergriff mich; nicht der jähe Zorn, der rasch verraucht, sondern jene wehmütige Trauer, die den Verlust des Edlen beklagt. Denn hier sitzt Yvette, eine tuberkulosekranke Prostituierte aus den finsteren Winkeln eines Pariser Bordells, eine Kreatur der nächtlichen Boulevards, in schonungsloser Nacktheit ihrer Niedrigkeit dargestellt. Solch unverhüllte Hässlichkeit, solch rohe Lust am Elend – wie weit entfernt liegt dies von jener erhabenen Kunst, der ich mein Leben gewidmet habe.
Das schreiende Kleid
Das karierte Kleid, ein grell aufschreiendes Muster grober Farbfelder, überwuchert die Szene wie ein unflätiges Geflecht, das jede Spur von Anmut erstickt. Der Körper dieser Unglückseligen ist plump und unförmig hingeworfen; kein Hauch plastischer Würde, kein edler Schwung der Linie, wie ihn die Antike lehrt. Statt Mitleid zu wecken, bleibt das Bild ein stumpfes Dokument der Verkommenheit – eine Szene, die sich in schmutziger Direktheit gefällt, ohne je die Seele zu berühren. Diese sogenannten „fauvistischen“ Schreie von Rot und Grün im Hintergrund sind ein hastiges Stochern, das die Unzulänglichkeit des Künstlers bloßlegt.
Der Verlust des Handwerks
Wie bedauerlich sind diese jungen Maler, die ihr Handwerk nie erlernten! Schönheit zu formen vermögen sie nicht; darum wenden sie sich den Schattenseiten des Lebens zu – Prostituierten, Lastern, Verfall. Sie preisen die Roheit als „Wahrheit“, weil ihnen die Zartheit der Proportionen, die Disziplin der Anatomie, die Hoheit der Linie fehlt. In meiner Zeit hätten solche Jünglinge die Schwelle der Royal Academy nicht einmal erblickt; man hätte sie zurückverwiesen zu den Gipsabgüssen, zu den Studien lebender Modelle, ehe sie sich an die Tiefen des Menschlichen hätten wagen dürfen.
Ein Mahnmal des Niedergangs
Dieses Bild ist ein Mahnmal des Niedergangs. Es fehlt der Adel der Linie, jene heilige Pflicht der Kunst. Stattdessen begegnet uns ein lautes, hohles Bekenntnis der Ohnmacht – eine Kunst, die ihre Mission verraten hat und nun im Schmutz der Gosse schwelgt. Möge die Muse dereinst zurückkehren, damit solche Entgleisungen dem gnädigen Vergessen anheimfallen.
Ich verbleibe, Sir, mit dem Ausdruck meiner ausgezeichnetsten Hochachtung,
Ihr sehr ergebener Diener, Frederic Leighton, 1st Baron Leighton Präsident der Royal Academy of Arts
📌Frederic Leighton, 1. Baron Leighton📌Auguste Chabaud
📌Yvette oder das karierte Kleid

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