Ciceros Blick auf Lissitzkys „Proun 19D“

Vollendete Leere: Wenn Geometrie Kunst spielt und das Museum applaudiert

El Lissitzky - Proun 19D (1920-21)
(97,2 x 97,5 cm)

Exordium – Verwunderung vor dem vermeintlichen Kunstwerk

O ihr unsterblichen Götter, welch befremdlicher Anblick bietet sich mir dar! Wenn ich, Marcus Tullius Cicero, vor diesem sogenannten Proun 19D stehe, so erfasst mich nicht jene ehrfürchtige Bewunderung, die wahre Kunst zu wecken vermag, sondern ein staunendes Unverständnis darüber, dass ein solches Gebilde den Raum eines Museums ausfüllt, der doch den Werken des Geistes und der Schönheit vorbehalten sein sollte.

Narratio – Beschreibung des Dargestellten

Was also sehe ich? Ein zerstreutes Gefüge schräg gestellter Flächen, schwebender Balken, Linien ohne Ursprung und ohne Ziel. Schatten erscheinen, ohne einer Form zu dienen, und Formen treten hervor, ohne einer Idee verpflichtet zu sein. Alles ist kalt, mechanisch, rechnerisch; ein Spiel der Geometrie, das sich selbst genügt und doch nichts aussagt, nichts erinnert, nichts bewegt.

Argumentatio – Warum dies keine Kunst ist

Denn Kunst, so habe ich stets gelehrt, gründet auf ars: auf jener edlen Verbindung von Geist, Übung und Maß, durch die das Rohmaterial zur Bedeutung erhoben wird. Wo diese Verbindung fehlt, kann kein Werk Anspruch auf Würde erheben. Hier aber erkenne ich nicht nur Mangel an Fähigkeit, sondern auch Abwesenheit von Notwendigkeit. Es wird nichts gefordert außer dem bloßen Anordnen von Formen, nichts gewagt außer der Behauptung, dies genüge bereits. Was dem Schaffenden kaum Anstrengung abverlangt, vermag auch dem Betrachter nichts zurückzugeben.

Refutatio – Gegen die museale Weihe

Und dennoch hängt dieses Stück in einem Museum, als sei es ein Zeugnis höchsten menschlichen Geistes. Welch bittere Ironie! Denn hier triumphiert nicht die Kunst, sondern die Mode; nicht das Urteil, sondern die Theorie; nicht die Schönheit, sondern ihre Erklärung. Man weiht die Leere und nennt sie Bedeutung.

Peroratio – Schluss und Urteil

So bleibt Proun 19D ein stummes Rätsel ohne innere Notwendigkeit, ein Werk ohne Seele, ein Bild ohne Kunst. Es ist weniger ein Ausdruck schöpferischer Kraft als ein Zeichen dafür, wie weit sich der Geschmack von der Vernunft entfernt hat — und wie leicht man sich heute mit dem Schein begnügt, wo einst das Wesen gefordert war.

📌Marcus Tullius Cicero
📌El Lissitzky
📌Proun 19D

Kommentare