Churchills Blick auf Cross' „Regatta in Venedig“
Eine Regatta, so lebendig wie ein Steuerformular
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| Henri Edmond Cross - Regatta in Venedig (1903/1904) (73,7 x 92,7 cm) |
Bewunderung? Nein. Erstaunen über die Ausdauer
Man steht vor diesem Gemälde, das den hochtrabenden Titel Regatta in Venedig trägt, und kann sich des Staunens nicht erwehren – nicht aus Bewunderung, wohlgemerkt, sondern aus ehrlicher Verwunderung darüber, wie viel Mühe ein Mensch aufwenden kann, um so entschieden jede Regung von Leben zu vermeiden. Herr Henri Edmond Cross hat Punkt an Punkt gesetzt, Farbe an Farbe gereiht, als führe er Buch über Pigmente, nicht als spräche er zu Herz oder Geist.
Die Lagunenstadt als Millimeterpapier
Venedig – diese Stadt der Spiegelungen, der Schatten, der fließenden Übergänge, der feuchten Luft und des vergehenden Lichts – wird hier behandelt, als sei sie ein geometrisches Exerzitium. Keine Dämmerung schleicht sich zwischen Himmel und Wasser, kein Schatten wagt es, das starre Regiment der Punkte zu stören. Die Boote der Regatta liegen da wie Spielzeuge, geschniegelt, doch ohne Atem. Eine Regatta ohne Lärm, ohne Kampf, ohne menschliche Anstrengung – ein Wettstreit ohne Drama, ein Schauspiel ohne Zuschauer.
Wenn der Pinsel zum Rechenschieber wird
Man sagt uns, dies sei Innovation. Ich sage: Es ist der Rückzug der Malerei vor ihrer größten Aufgabe. Wo einst der Pinsel wagte, das Flüchtige festzuhalten, das Licht zu bezwingen, den Moment zu verdichten, da zählt man nun Farbtupfer wie Münzen. Der Maler wird zum Buchhalter, die Leinwand zum Rechenbrett. Große Malerei aber entsteht nicht aus Pedanterie, sondern aus Mut – aus dem Wagnis des Übergangs, des Ungefähren, des Schattens.
Fortschritt, sorgfältig konserviert im Formalin
Hier wird nichts riskiert. Alles ist sauber, alles ist kontrolliert, alles ist tot. Die Sonne scheint, doch sie wärmt nicht. Das Wasser glitzert, doch es bewegt sich nicht. Man mag dies modern nennen; ich nenne es einen Rückschritt, verkleidet als Fortschritt. Denn wer die Mittel der Malerei zerlegt, ohne sie wieder zu beseelen, der baut keinen neuen Weg – er reißt eine Brücke ab und bewundert die Trümmer.
Der Betrachter geht – das Bild bleibt stehen
So verlässt man dieses Bild nicht bereichert, sondern ratlos, und fragt sich, ob die Zukunft der Kunst wirklich darin liegen soll, dass sie verlernt, lebendig zu sein.
📌Winston Churchill
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