Bismarcks Blick auf Vuillards „Intérieur“
AUS DEM KANZLERAMT DES FÜRSTEN VON BISMARCK
| Édouard Vuillard - Interior (1904) (50 x 77 cm) |
Datum: Den 13. Februar des Jahres 1905
Ort: Friedrichsruh, Lauenburg
Betreff: Ablehnung der künstlerischen Zumutung „Interieur“ (1904)
Status: Streng vertraulich / Persönlich
I. Eine Beleidigung des preußischen Auges
Mein lieber Herr,
was Sie mir da vorlegen, mag in den Pariser Salons als „Kunst“ gelten, aber für ein Auge, das an die Klarheit preußischer Generalstabskarten und die Würde historischer Ölgemälde gewöhnt ist, ist dieser Monsieur Vuillard nichts weiter als ein Pinselschwinger ohne Disziplin. Sie fragen mich, ob ich mich in einer solchen Manier hätte darstellen lassen? Ich sage Ihnen: Lieber ließe ich mich von einem blinden Kürassier mit dem Säbel in den Fels ritzen!
II. Die Auflösung der festen Ordnung
Betrachten wir dieses Interieur von 1904. Was sieht man? Ein Gestöber aus Tupfen, ein Flimmern von Mustern, bei dem man nicht weiß, wo die Tapete aufhört und der Mensch beginnt. Alles schwimmt in einer unentschlossenen Suppe aus Licht und Schatten. Wenn ich mich porträtieren lasse, dann verlange ich Präzision! Ein Staatsmann braucht Kontur, eine feste Linie, die dem Volke und der Nachwelt sagt: Hier steht einer, der weiß, was er will. Bei diesem Vuillard hingegen scheint sich die Welt in bürgerlicher Belanglosigkeit aufzulösen.
III. Stickige Häuslichkeit statt herrschaftlicher Weite
Dieses Bild atmet den Geist von Kaffeekränzchen und stickigen Wohnstuben. Es ist die Darstellung einer privaten Enge, die einen Mann meines Formats ersticken würde. Eine Darstellung meiner Person gehört nicht in ein Zimmer, das so unordentlich und verschwommen ist wie die politische Gesinnung der Fortschrittspartei! Wer mich darstellt, hat den Glanz des Kürassierhelms, die Tiefe des herrschaftlichen Waldes oder die Schwere des Eichenschreibtisches einzufangen – und nicht das flüchtige Muster eines Teppichs, das aussieht, als hätte man eine Handvoll Konfetti darüber verstreut.
IV. Dilettantismus hinter „Stimmung“ versteckt
Diesen modernen Dilettantismus, der sich „Stimmung“ nennt, erkenne ich nicht an. Es ist die Flucht derer, die das Handwerk nicht mehr beherrschen. Wer kein Gesicht so malen kann, dass man darin den Charakter und die Verantwortung von Jahrzehnten abliest, der versteckt sich hinter solchen Farbschleiern. Ein Bild hat eine Nachricht zu sein, ein Monument – kein Rätselraten für Kurzsichtige!
V. Ein Urteil ohne Revision
Hätte man gewagt, mir ein solches „Porträt“ meiner Person in dieser Machart anzubieten, ich hätte den Überbringer samt dem Schmieranten vor die Tür gesetzt. In Preußen schätzt man das Eigentliche, das Greifbare. Dieser französische Nebel hat in meiner Ahnengalerie keinen Platz. Behalten Sie diesen Kitsch im Museum – für mich ist das nichts als visuelle Anarchie.
Gezeichnet,
(L.S.) Fürst v. Bismarck Herzog zu Lauenburg
📌Otto von Bismarck📌Édouard Vuillard
📌Intérieur
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