Bertrand Russells Blick auf Frederic Leightons „Cimabues Madonna in Prozession durch Florenz“ und Kandinskys „Sonntag (Alt Russisch)“

Die Tyrannei der Unbestimmtheit: Kreativität und Können

In der Philosophie der Logik und der Erkenntnistheorie ist Klarheit keine bloße ästhetische Zierde, sondern die Grundvoraussetzung für Wahrheit. Wenn wir die monumentale Prozession von Frederic Leighton mit der schemenhaften Szenerie von Wassily Kandinskys „Sonntag“ vergleichen, stoßen wir auf ein fundamentales Problem der Bedeutung: Ist ein Werk, das sich der präzisen Aussage entzieht, noch ein Akt der Schöpfung oder lediglich eine Flucht vor der Verantwortung?

Frederic Leighton - Cimabues gefeierte Madonna wird in Prozession
durch die Straßen von Florenz getragen (1853-55)
(231,8 x 250,7 cm)

Die Anatomie der Entscheidung

Betrachten wir Leightons Werk. Auf über fünf Metern Breite begegnen wir einer heroischen Demonstration dessen, was ich die „Logik der Partikularität“ nenne. Leighton trifft für jeden Quadratzentimeter eine Entscheidung. Die Falten der Gewänder, die anatomische Korrektheit der Pferde, die Lichtreflexionen auf dem Boden – all dies sind Antworten auf die Frage: „Wie sieht die Welt aus?“

Kreativität ist bei Leighton kein vager Impuls, sondern die Fähigkeit, aus unendlich vielen Möglichkeiten die eine richtige Form zu wählen. Sein Können besteht darin, diese Entscheidungen physisch zu manifestieren. Jedes Gesicht in der Menge ist ein Individuum; die Vegetation im Hintergrund ist botanisch identifizierbar. Hier wird das Leben nicht behauptet, es wird durch die Akkumulation von Fakten bewiesen.

Wassily Kandinsky - Sonntag (Alt Russisch) (1904)
(45 x 95 cm)

Das Dilemma des Amateurs

Wenden wir uns Kandinskys Werk von 1904 zu. Trotz der frappierenden kompositorischen Ähnlichkeit – das Querformat, der Zug nach links, die Reiter rechts, die bunte Tracht – offenbart sich hier eine kreative Entropie. Wo Leighton eine Entscheidung trifft, lässt Kandinsky eine Lücke. Die Menschenmenge verschwimmt in Flecken; die Häuser im Hintergrund sind lediglich Andeutungen eines Geistes, der sich nicht festlegen will.

Entfernt man die Signatur „Kandinsky“, so versinkt das Werk offenbar in Bedeutungslosigkeit. Es fehlt ihm die intrinsische Evidenz. Ein Amateur scheut sich vor der Arbeit des Details, weil jedes Detail eine potenzielle Fehlerquelle darstellt. Wer nichts genau zeichnet, kann auch nichts falsch zeichnen. Doch in dieser Weigerung, sich der harten Realität der Form zu stellen, entzieht er dem Bild das Leben.

„Wahrheit ist eine Eigenschaft von Überzeugungen, die sich auf Tatsachen beziehen. Ein Bild, das die Tatsachen der visuellen Welt ignoriert, ohne eine höhere logische Struktur anzubieten, bleibt lediglich ein privates Stammeln.“

Können als moralische Integrität

Leightons Meisterschaft liegt darin, dass er sich tausenden kleinen Gerichtshöfen stellt: Jede Linie ist ein Urteil. Sein Werk atmet, weil es die Komplexität der Existenz ernst nimmt. Kandinsky hingegen bietet in diesem frühen Stadium eine Art visuellen Agnostizismus. Er zeigt uns eine Welt, die nicht „ist“, sondern die nur „vielleicht sein könnte“.

Während Leighton durch sein Können eine Brücke zwischen dem Betrachter und einer objektiven Schönheit schlägt, bleibt der Amateur in der Subjektivität gefangen. Das Leben in der Kunst entsteht nicht durch das Weglassen von Schwierigkeiten, sondern durch deren Überwindung. Wahre Kreativität ist kein vager Impuls, sondern die Fähigkeit zur präzisen Entscheidung. Die Vitalität bei Leighton ist die Frucht einer Freiheit, die auf dem harten Fundament des Könnens steht. Der Amateur hingegen bleibt ein Sklave seiner eigenen Unschärfe – ein Schattenboxer, der den Kampf mit der Form verlor, bevor er ihn überhaupt begann.

📌Bertrand Russell
📌Frederic Leighton, 1. Baron Leighton
📌Cimabues gefeierte Madonna wird in Prozession durch die Straßen von Florenz getragen
📌Wassily Kandinsky
📌Sonntag (Alt Russisch)

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