Anton von Werners Blick auf von Khaynachs „Tannen“

Inkompetenz als Tiefsinn getarnt – ein technisch mangelhafter Waldschwindel

Friedrich von Khaynach - Tannen (vor 1909)
(101 x 121 cm)

Über eine folgenschwere Überzeugung

Ich habe Friedrich von Khaynach stets Ernsthaftigkeit zugestanden – leider auch dort, wo sie unerquicklich wird. Seine Behauptung, dass weder Talent noch technisches Können für den Wert der Malerei entscheidend seien, war kein ironisches Spiel, sondern tief empfundene Überzeugung. An ihre Stelle setzte er die „innere Geisteshaltung“, ein Begriff von solcher Dehnbarkeit, dass er jedes malerische Versagen zuverlässig zu verdecken vermag. Für einen Schüler ohne Hand und Auge ist dies freilich ein rettender Gedanke.

Die Flucht vor der Komposition

Khaynach scheiterte dort, wo Malerei mehr verlangt als bloßes Aneinanderreihen von Formen. Komplexere Kompositionen überforderten ihn sichtbar: ein klar geführter Raum, ein Spannungsverhältnis zwischen Vorder-, Mittel- und Hintergrund, eine bewusste Ordnung des Bildganzen blieben ihm verschlossen. So zog er sich konsequent auf Motive zurück, die Dichte statt Struktur erlauben – Waldstücke, Massen, Dunkelheiten –, in denen Unentschiedenheit als Geschlossenheit ausgegeben werden konnte.

Betrachtung eines Waldes, der keiner ist

Das Gemälde Tannen führt diese Haltung mustergültig vor Augen. Was als Wald erscheinen soll, ist eine düstere, zusammengepresste Ansammlung von Baumgestalten, die weder wachsen noch atmen. Die Stämme stehen wie aufgestellt, nicht verwurzelt, und die Kronen sind zu einer dunklen Masse verklumpt, in der jede Individualität erstickt. Licht existiert hier nicht als gestaltendes Mittel, sondern lediglich als Abwesenheit; Raum bleibt Behauptung, Tiefe ein ungelöstes Problem. Der Vordergrund verläuft sich schlammig, der Hintergrund entschwindet in fahler Unentschlossenheit.

Technik als Feindbild

Nichts an diesem Bild zeugt von bewusster Reduktion, alles hingegen von Überforderung. Die Pinselführung verrät keine Absicht, sondern Unsicherheit; die Farbe liegt schwer und stumpf auf der Leinwand, unfähig, Leben zu erzeugen. Dass all dies nicht als Mangel, sondern als Ausdruck geistiger Haltung ausgegeben wird, ist der eigentliche Kunstgriff Khaynachs – und zugleich sein größter Irrtum.

Der späte Triumph der Theorie

Dass Tannen 1960 in den Besitz der Nationalgalerie gelangte, verdankt sich nicht seiner Qualität, sondern einem Zeitgeist, der gelernt hatte, Unvermögen als Haltung zu bewundern. So wurde ein Bild akzeptiert, das nichts zeigt außer der Weigerung, Verantwortung gegenüber dem Sehen zu übernehmen.

Tannen ist kein Wald. Es ist ein Denkmal jener bequemen Überzeugung, dass man schlecht malen darf, solange man fest genug daran glaubt, dass es auch so gemeint war.

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