Adenauers Blick auf Beuys' „Zeitpunkt: Das Massaker von München“

Eine nüchterne Betrachtung

Meine Damen und Herren,

lassen Sie uns die Dinge mit Ruhe betrachten. Aufregung hat noch selten zur Klärung beigetragen. Ich spreche hier nicht als ehemaliger Bundeskanzler, sondern als Bürger dieses Landes – und als Rheinländer, der sein Leben lang gelernt hat, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden.

Das Werk und sein Anspruch

Bei Christie's wurde für über eine Million ein Werk von Joseph Beuys versteigert: „Zeitpunkt: Das Massaker von München“. Ein großformatiges Stück Tafel, darauf Linien, Worte, Spuren. Man sagt, es handle sich um eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Tragödie von 1972.

Ein Ereignis, das Klarheit verlangt

Nun, das Attentat von München war ein tiefer Einschnitt für unser Land. Es verlangte Ernst. Es verlangte Klarheit. Wenn ich mir jedoch dieses Werk betrachte, erkenne ich vor allem eines: Unbestimmtheit. Es bleibt alles in der Schwebe. Nichts ist greifbar, nichts zwingend, nichts notwendig. Man kann vieles hineinlesen – oder auch nichts. Und ich habe die Erfahrung gemacht: Wo alles möglich ist, ist meist wenig vorhanden.

Große Worte ersetzen kein Handwerk

Herr Beuys spricht vom erweiterten Kunstbegriff, von „sozialer Plastik“. Das sind große Worte. Große Worte sind nicht verboten. Aber sie ersetzen keine Form, keine Disziplin, kein Handwerk. Ein wenig Kreide, ein paar Schlagworte, eine Aura der Bedeutsamkeit – das genügt offenbar, um Ehrfurcht zu erzeugen. Ich will das nicht kritisieren. Ich stelle es nur fest.

Ein kölscher Seitenhieb

Und erlauben Sie mir als Kölner eine kleine Spitze: Wenn einer von der falschen Rheinseite kommt – aus Düsseldorf –, dann ist man gewisse Experimente ja gewohnt. Bei uns hätte man früher gesagt: „Jung, mach et richtig – oder lass et.“

Das wahre Phänomen: Überzeugungskraft

Das eigentlich Bemerkenswerte ist nicht das Werk selbst. Bemerkenswert ist die Überzeugungskraft seines Schöpfers. Es gehört ein gewisses Talent dazu, viele gebildete Menschen davon zu überzeugen, dass Unbestimmtheit Tiefe sei und Andeutung bereits Gestaltung. Dass Museen und Sammler dem folgen, ist weniger ein Beweis für Größe als für einen Zeitgeist, der Kompliziertheit mit Bedeutung verwechselt.

Preis ist nicht gleich Wert

Ich bin kein Gegner der Moderne. Aber ich habe stets geglaubt, dass Freiheit Urteilskraft voraussetzt. Wenn wir beginnen, Preis mit Wert zu verwechseln, verlieren wir Maß und Mitte. Und ohne Maß und Mitte – das habe ich in meinem langen Leben gelernt – wird vieles möglich. Nur nicht unbedingt besser.

📌Konrad Adenauer
📌Joseph Beuys
📌Zeitpunkt: Das Massaker von München

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