Richard Wagners Blick auf Munchs „Der Schrei“

In Farbe gefangen bleibt der Schrei stumm, doch in Musik würde er endlich atmen

Edvard Munch - Der Schrei (1910)
(83,5 x 66 cm)

 Anklage gegen das „armselige Machwerk“

Hört, ihr Verirrten! Seht dieses armselige Machwerk – Munchs ‚Schrei‘! Einen aufgerissenen Mund, verzerrte Hände, einen Himmel in blutigem Wahnsinn! Ein Schrei? Pah! Ein stummer, ohnmächtiger Krampf der Farbe, ein hilfloses Zucken der Pinselspitze – nichts als eine ungeschickte, verzweifelte Fingerübung der Malerei, die sich anmaßt, das Innerste des Menschen zu fassen!

Die Grenzen der bildenden Kunst

Die bildende Kunst ist ewig Sklavin des Äußeren, des Starren, des Toten! Sie malt den Schrei – doch wo ist sein Klang? Wo die ewige Woge des Gefühls, die allein die Musik entfesselt? Nur in den Tönen, in der unendlichen Melodie des Orchesters wird der Schrei zur Offenbarung des Willens, zum mythischen Ur-Schrei der Menschheit, der alle Grenzen sprengt und das Individuum mit dem Kosmos verschmilzt! Nur im Gesamtkunstwerk – im Musikdrama – kann dieser Schrei leben, atmen, erlösen!

Das Scheitern des Bildes

Hier aber? Ein erstarrtes Bild, ein toter Fleck auf Leinwand! Keine Bewegung, keine Ekstase, keine Katharsis! Nur Verzerrung, nur Chaos ohne Sinn, nur die moderne Zersplitterung des Geistes, die sich in Farbe ergießt wie Gift! Der Künstler greift nach dem Unsagbaren – und scheitert kläglich, weil er die höchste Kunst, die Musik, verrät! Er malt den Schrei, statt ihn zu singen, zu brüllen, zu donnern!

Das endgültige Verdammungsurteil

Das ist keine Kunst! Das ist ein Krampf, ein Fieberschub der entarteten Malerei, die sich vom lebendigen Strom der Töne abgewandt hat! Wendet euch ab von diesem stummen Grauen! Sucht das wahre Drama, wo der Schrei erklingt – in der Musik, die allein ewig, allein göttlich, allein erlösend ist! Nur dort wird der Mensch gerettet – nicht in diesem kalten, toten Bild!

📌Richard Wagner


Kommentare