Vasaris Blick auf Hölzels „Anbetung“
Wo Farbe tobt und Form verschwindet, kann keine wahre Anbetung entstehen
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| Adolf Hölzel - Anbetung (1912) (85 x 67 cm) |
Ein erster Blick voller Entsetzen
O wehe dem Auge, das sich an solch einem Anblick laben soll! Ich, Giorgio Vasari, der die Leben der vortrefflichsten Maler beschrieben hat, betrachte dieses sogenannte Werk der ‚Anbetung‘ und sehe nichts als einen wilden Tumult von Farben: leuchtendes Rot, tiefes Blau, grelles Gelb und Grün, die sich in wirren Flecken und Strichen ballen und zerstreuen. Man erkennt vage, dass da Gestalten sein sollen – vielleicht die Madonna, das Kind, Hirten oder Engel –, doch alles ist aufgelöst in ein chaotisches Farbenmeer. Keine klare Silhouette, keine zarte Modellierung des Fleisches, kein sanfter Übergang von Licht zu Schatten, kein rilievo, das den Körpern Rundung und Leben verleiht. Stattdessen nur ein Sturm aus Pinselstrichen, als hätte der Maler in Ekstase die Regeln der Kunst vergessen und die Farbe zur alleinigen Herrin erhoben.
Der Vergleich mit den großen Meistern
In den göttlichen Zeiten Michelangelos, Raffaels und Leonardos war jede Anbetung ein Wunder der Klarheit: die Madonna thronte in majestätischer Grazie, das Kind strahlte göttliches Licht aus, die Engel schwebten in harmonischer Ordnung, die Perspektive führte das Auge sanft zum Zentrum der heiligen Szene. Jede Figur war gezeichnet mit genauer Kenntnis der Anatomie, mit Maß in den Proportionen, mit jener süßen Lieblichkeit der Farben, die das Gemüt erhebt und den Betrachter zur Andacht stimmt.
Der Verlust von Linie, Ordnung und Bedeutung
Hier aber fehlt alles das. Der disegno, diese göttliche Linie, die der Seele der Malerei ist, liegt begraben unter Farbklumpen. Keine Geschichte wird erzählt, keine heilige Wahrheit verkündet, kein erhebendes Gefühl erweckt. Das Auge irrt ratlos umher, findet keinen Halt, keine Ruhe. Es ist, als wollte der Künstler die Farbe selbst anbeten lassen – und nicht mehr Gott durch die Schönheit seiner Schöpfung.
Wahre Kunst und ihr Verrat
Wahre Kunst ahmt die Natur nach, vervollkommnet sie durch Verstand und Hand und ehrt den Schöpfer durch Klarheit, Ordnung und Grazie. Dieses Bild aber ist ein trauriges Zeichen der Verwirrung: ein Versuch, Neuheit um jeden Preis zu erlangen, indem man alle Regeln der Meisterschaft opfert. Wenn es in einer Kirche unserer Zeit hinge, würde das Volk nicht knien und beten, sondern staunen und fragen: ‚Was soll das darstellen? Wer betet hier wen an?
Das abschließende Urteil
Ich sage es mit freiem Herzen: Dies ist keine Malerei, wie sie die Kunst von alters her verlangt. Es ist ein Schatten, ein Experiment, das fehlgeschlagen ist. Möge Gott den Malern die Gnade schenken, zur wahren Schönheit, zur Klarheit und zur göttlichen Ordnung zurückzukehren, wie sie uns die großen Meister vorgelebt haben!

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