Thomas Buddenbrooks Blick auf Marc „Blaues Pferd I“
Dilettantische Kapitulation vor Form, Ordnung und handwerklicher Kunst.
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| Franz Marc - Blaues Pferd I (1911) (112 x 84,5 cm) |
Eine Rede
Hochverehrte Anwesende, werte Mitbürger unserer ehrbaren Hansestadt.
Man nötigt mich, ein Wort über dieses... Gebilde zu verlieren, das man uns hier als „Blaues Pferd“ unter die Nase reibt. Ich sage es unverblümt: Wenn das die Zukunft unseres Geisteslebens sein soll, dann steht es um das Haus Buddenbrook und um das gesamte Abendland wahrlich schlechter, als es jede Bilanz ausdrücken könnte.
Die Anmaßung des Dilettantismus
Man pflegt zu sagen, Kunst komme von Können. Ein schlichter Satz, gewiss, aber er trägt das Fundament unserer Zivilisation. Was wir hier sehen, ist jedoch kein Können, sondern die Kapitulation vor der Form. Ein Pferd, sagen Sie? Ein Tier in der Natur besitzt Anmut, Struktur und eine gottgegebene Anatomie. Was Marc uns hier vorsetzt, ist eine grobe Beleidigung jeder Proportion. Diese plumpen Linien, diese Missachtung jeglicher Perspektive – es wirkt, als hätte ein Kind mit der Palette eines betrunkenen Anstreichers hantiert.
Ein Affront gegen die Ordnung
Und dann die Farbe! Ein blaues Pferd? Man verzeihe mir meinen Mangel an „Vision“, aber in der Welt des soliden Kaufmanns, in der Welt der Realität, sind Dinge, was sie sind. Blau ist der Ozean, wenn das Wetter umschlägt, oder vielleicht ein feiner Samtstoff aus Lyon. Ein Pferd hingegen hat braun, schwarz oder schimmelweiß zu sein. Diese willkürliche Farbwahl ist kein Ausdruck von „Seele“, sondern ein hysterischer Schrei nach Aufmerksamkeit, der die natürliche Ordnung verhöhnt.
Das Ende der Substanz
Wo bleibt die handwerkliche Meisterschaft, die Disziplin, die ein Werk erst zur Kunst veredelt? Hier gibt es keine Tiefe, nur flächige Aufgeregtheit. Es fehlt die Noblesse der Zurückhaltung. Dieses Bild ist die visuelle Entsprechung eines ungepflegten Kontobuchs: unübersichtlich, fehlerhaft und ohne jeglichen Respekt vor der Tradition.
Es ist ein Spielzeug für jene, die den Fleiß durch das Pathos ersetzt haben. Wenn wir anfangen, das Unvermögen als Genie zu feiern, dann verlieren wir den Boden unter den Füßen. Und glauben Sie mir, meine Herrschaften, auf schwankendem Boden lässt sich weder ein Staat noch ein anständiges Geschäft führen.

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