Rembrandts Blick auf van Goghs „Selbstporträt“

Ein gnadenloser Blick durchs brennende Selbst

Vincent van Gogh - Selbstporträt (1889)
(57,7 x 44,5 cm)

Ich, Rembrandt Harmenszoon van Rijn, der ich ein Leben lang das Antlitz des Menschen im unbestechlichen Licht der Wahrheit suchte, habe nun dieses Selbstbildnis des Herrn van Gogh vor Augen. Ich betrachte es – und was ich sehe, ist ein Monument der Unbeherrschtheit: Sturm ohne Steuer, Hitze ohne Glut, Geste ohne Fundament.

Die Sünde der Oberfläche 

Man betrachte diesen Farbauftrag! In meinen Ateliers lehrten wir, dass die Farbe dem Fleisch dienen muss, nicht umgekehrt. Ich habe Schichten über Schichten gelegt, hauchdünne Lasuren, durch die das Licht wandern kann, bis es den Knochen erreicht. Dieser Herr van Gogh aber begräbt die Form unter einem Wulst aus Pigment. Er scheint die Farbe direkt aus der Tube auf die Leinwand zu speien, ohne ihr die Zeit zu geben, auf der Palette zur Besinnung zu kommen. Das ist kein Malen, das ist Verputzen; eine unanständige Nacktheit der Pigmente, der jede Resonanz fehlt.

Das gehetzte Auge und die verlorene Form 

Sein Blick ist kein suchender, er ist ein flüchtender. Er schaut nicht in die Seele hinein – er stürzt aus ihr heraus, wie ein Mann, der aus einem brennenden Hause springt. Wo ist die Architektur des Schädels? Unter diesem Teppich aus gelben und blauen Wirbeln spüre ich kein Skelett, keine muskuläre Wahrheit. Er trennt die Farben wie ein Kleinkind seine Spielsteine, unfähig, die Harmonie der Zwischentöne zu finden. Er wählt das grellste Chromgelb, weil er zu schwach ist, das wahre Leuchten aus einem bescheidenen Ocker zu locken.

Leiden ist kein Talent 

Man sagt mir, dieser Mann leide. Doch Kunst erwächst nicht aus dem bloßen Schmerz; sie erwächst aus der Fähigkeit, diesen Schmerz zu bändigen. Wo meine Bilder bekennen, da klagt dieses nur. Wo meine Augen fragen: „Wer bin ich?“, da ruft dieses Bild: „Seht her, wie ich leide!“ Doch Leiden allein ist kein Verdienst. Es ist nur rohes Material – und Material verlangt nach der ordnenden Hand eines Meisters. Ein Bild muss stehen können, wenn das Fieber des Malers abgeklungen ist. Dieses hier aber zittert nur vor Unvermögen.

Das Fazit 

Vielleicht mag mancher dieses Werk für seine fiebrige Energie bewundern, doch im ewigen Spiegel der Kunst misst man nicht die Lautstärke der Pigmente, sondern die Wahrhaftigkeit der Darstellung. Zwischen seinem Antlitz und dem meinen klafft ein Abgrund: Es ist der Abgrund zwischen bloßem Ausdruck und wahrhafter Beherrschung, zwischen einem Schrei und einem Lied.

📌Rembrandt van Rijn
📌Vincent van Gogh
📌Selbstbildnis National Gallery of Art

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