Mark Twains Blick auf Schlemmers „Drei Figuren am Geländer II“

Drei Figuren, ein Geländer, kein Gedanke: Wenn Geometrie vorgibt, Kunst zu sein

Oskar Schlemmer - Drei Figuren am Geländer II (1933)

Eine ehrliche Warnung an den Leser

Man hat mir erklärt, dieses Gemälde sei Kunst, und zwar mit jener Stimme, die man gewöhnlich benutzt, wenn man einem Kind erklärt, warum es den Ofen besser nicht anfasst. Ich nickte verständig und stellte mich davor, fest entschlossen, entweder erleuchtet zu werden oder wenigstens nicht dümmer wieder wegzugehen. Beides gelang nur teilweise.

Über die dargestellten Wesen

Was wir sehen, sind drei Gestalten, die offenbar beschlossen haben, alles Menschliche abzugeben, um fortan als geometrische Andeutung ihrer selbst zu existieren. Sie besitzen Körper, aber keine Seelen, Haltungen, aber keine Gedanken. Ihre Köpfe gleichen Murmeln, die man vergessen hat zu bemalen, und ihre Gliedmaßen wirken, als seien sie nach einer besonders strengen Linealprüfung zugelassen worden. Diese Figuren stehen da wie Beamte ohne Akten oder Philosophen ohne Fragen. Sie scheinen alles hinter sich gelassen zu haben, was Unruhe erzeugen könnte: Gefühle, Zweifel, Rückgrat - und nur wer über eine ungebührlich lebhafte Fantasie verfügt, wird in der auffallend einmütigen Blickrichtung der beiden äußeren Gestalten jene Art von neugieriger Konzentration erkennen, die gewöhnlich Dingen gilt, über die man in guter Gesellschaft nicht spricht

Das Geländer als letzte Hoffnung

Sie stehen an einem Geländer, vermutlich um uns zu signalisieren, dass sie nicht vorhaben, irgendwohin zu gehen. Das Geländer erfüllt seine Aufgabe mit der gleichen Leidenschaft wie die Figuren: Es ist vorhanden, sonst nichts. Niemand lehnt sich an, niemand schaut hinab, niemand denkt auch nur daran, zu fallen. Es ist ein Geländer aus Pflichtgefühl.

Schlussfolgerungen eines geduldigen Betrachters

Man könnte einwenden, das Bild sei abstrakt, reduziert, geistreich. Ich hingegen vermute, es ist das Ergebnis einer ernsthaften Anstrengung, möglichst wenig zu sagen und dabei bedeutungsvoll auszusehen. Es gleicht einem Vortrag ohne Inhalt, gehalten mit ernster Miene und geschlossenen Augen.

Kunst sollte uns etwas geben: einen Gedanken, einen Stich, ein Lächeln, meinetwegen auch einen ordentlichen Ärger. Dieses Bild jedoch gibt uns nur drei Figuren, ein Geländer und die leise, nagende Frage, ob man nicht gerade sehr höflich an der Nase herumgeführt wird.

📌Mark Twain
📌Oskar Schlemmer
📌Drei Figuren am Geländer II

Kommentare