Kichons Blick auf Klees „Senecio“

Wenn das Kunst ist, dann ist ein verunglückter Obstsalat eine philosophische Abhandlung


Paul Klee - Senecio (1922) (40,3 x 37,4 cm)

Verständnis

Verehrte Leser, man sagt, Kunst komme von Können. Wenn das wahr ist, dann ist Paul Klees „Senecio“ der schlagende Beweis dafür, dass Nichtskönnen zur neuen Weltreligion aufgestiegen ist. 

Stellen Sie sich vor: Mein Freund, der kleine Steuereintreiber Ziegler, kam neulich mit einem Ausdruck dieses Werkes zu mir. Er blickte darauf mit der andächtigen Miene eines Mannes, der gerade die Relativitätstheorie verstanden hat, während ich lediglich versuchte herauszufinden, ob das Dargestellte eine verunglückte Orange oder ein explodierter Wecker sein soll.

Die Geometrie des Scheiterns 

Klee nennt es „Senecio“. Lateinisch für „Greis“. Ich nenne es: „Schuldbewusstsein eines Dreijährigen nach dem Genuss einer Packung Wachsmalstifte“. Betrachten wir die Fakten: Der Kopf ist ein Kreis. Nicht etwa ein perfekter Kreis, wie ihn ein Geometer oder ein Bäcker hinbekäme, sondern eine schwankende Ellipse, die aussieht, als hätte sie zu viel schweren Rotwein konsumiert.

Der schiefe Blick der Moderne 

Kommen wir zu den Augen. Man hat mir versichert, dies sei der Spiegel der Seele. Bei Klee ist die Seele offenbar gerade dabei, die Treppe hinunterzufallen. Die Augen sind zwar rund – immerhin ein Zugeständnis an die Natur –, aber sie stehen so vollkommen schief im Gesicht, dass man beim Betrachten unwillkürlich den Kopf neigen möchte, bis man sich den Hals verrenkt. Es wirkt, als hätte der Maler die Pupillen mit einer Schrotflinte auf die Leinwand genagelt, während er gleichzeitig von einem heftigen Schluckauf geschüttelt wurde.

Eine Nase wie ein Ausrufezeichen 

Und die Nase? Ein schlichtes, dünnes „L“. Das ist kein Riechorgan, das ist ein Hilferuf der Geometrie. Es gibt dem Ganzen den Anschein, als hätte der „Greis“ gerade eine Zitrone verspeist und würde nun versuchen, sein Gesicht in Sicherheit zu bringen – leider erfolglos.

Die Rache des Kindergartens 

Man erklärt uns, das sei „Abstraktion“. In meiner Welt bedeutet Abstraktion, dass meine Frau Besty mir erklärt, warum ein neuer Hut unbedingt notwendig ist, obwohl wir bereits drei davon im Schrank haben, die wir nicht bezahlen können. Das ist Kunst! Aber ein Gesicht in bunte Kacheln zu zerlegen, als wäre der Maler während der Arbeit in einen Fliesenspiegel gelaufen – das ist kein Können, das ist ein Arbeitsunfall.

Ein Fazit für den Haussegen 

Hätte Michelangelo die David-Statue so gehauen, würde man heute sagen: „Schade um den Marmor, er hätte wunderbare Briefbeschwerer abgegeben.“ Aber bei Klee nennt man es ein Meisterwerk. Wenn das Kunst ist, dann ist meine Steuererklärung eine epische Dichtung und die Kaffeeflecken auf Zieglers Weste sind ein bedeutender Beitrag zum abstrakten Expressionismus.


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