Kants Blick auf Modiglianis „Jacques and Berthe Lipchitz“

Wer Hälse dehnt, statt Formen zu meistern, beleidigt die Vernunft

Amedeo Modigliani - Jacques and Berthe Lipchitz (1916) 
(81,3 x 54,3 cm)


„Hören Sie wohl, meine Herren, denn was uns hier als ein Erzeugnis des Geistes dargeboten wird, spottet jeder vernunftgemäßen Kritik. Man betrachte dieses Machwerk von Amedeo Modigliani – wenn man es denn mit gesundem Auge wagen will.“ 

Die Verkehrung des Könnens 

„Wir wissen: Kunst entspringt dem Können. Sie ist die Darstellung einer Zweckmäßigkeit ohne Zweck, die sich in der Form vollendet. Doch was erblicken wir hier? Eine vollkommene Abwesenheit jener handwerklichen Disziplin, die das Genie vom Stümper scheidet. Die Proportionen sind nicht etwa künstlerisch überhöht, sondern schlichtweg missachtet. Wenn die Kunst von dem Vermögen handelt, die Welt nach Gesetzen der Ästhetik zu ordnen, dann ist dies hier die Anarchie der Unfähigkeit.“ 

Die Deformation des Menschlichen 

„Betrachten wir die Sujets: Jacques und Berthe Lipchitz. Modigliani präsentiert uns keine Individuen, sondern verzerrte Maskeraden. Die Hälse sind unnatürlich gelängt, als wolle der Maler die Anatomie strafen. Die Augen? Seelenlose Schlitze, denen jegliche Vernunftbegabung abgeht. Die Gesichter wirken wie aus Teig geknetet, ohne die notwendige Schärfe, die ein wahrhaftiges Urteil verlangt. Ein Porträt sollte das Wesen des Menschen durch die Meisterschaft der Form erfassen. Modigliani jedoch flüchtet sich in eine primitive Abstraktion, weil er – so muss man schließen – das Handwerk der naturgetreuen Abbildung nie durchdrungen hat. Es fehlt die transzendentale Einheit der Apperzeption; das Bild zerfällt in plumpe Farbflächen.“ 

Fazit 

„Dies ist keine Kunst, sondern eine bloße Laune des Unvermögens. Es fehlt die Zweckmäßigkeit der Form, die allein Wohlgefallen erregen kann. Wer behauptet, in dieser Deformation Schönheit zu finden, betrügt nicht nur seinen Geschmack, sondern beleidigt die Vernunft selbst. Es ist ein Spiel ohne Regeln, und wo keine Regeln herrschen, da herrscht auch kein Geist.“ 


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