Heideggers Blick auf Kanoldts „Olevano“
Ein Bild, das nicht ereignet: Olevano als ontologisches Versagen
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| Alexander Kanoldt - Olevano (1927) (91,2 x 70,7 cm) |
Die Verwohnung des Seyns: Das Olevano-Bild als Un-Ding
In Kanoldts Olevano ereignet sich kein Weltaufgang. Es geschieht nichts. Kein Geviert sammelt sich, keine Erde trägt, kein Himmel spannt sich, keine Sterblichkeit wird gehalten. Das Bild bleibt vor dem Seyn stehen wie vor einer verschlossenen Schwelle. Was als Form erscheint, ist kein Gestalten, sondern das ordnende Nachvollziehen einer Welt, die dem Maler nicht zugehört. Nicht das Sein west hier, sondern die Abwesenheit seines Anspruchs.Kanoldts Malerei steht von Anfang an im Bann der Uneigentlichkeit. Sie entspringt nicht dem Ursprung, sondern dem Man. Gemalt wird nicht aus der Not des Daseins, sondern aus dem Gerede einer verfestigten Moderne, die ihre eigenen Voraussetzungen längst vergessen hat. Der Pinsel folgt keiner Lichtung, sondern einer Vorschrift. Wo das Werk den Ort des Offenstehens bereiten müsste, schließt es ab.
Das Man der Malerei
Der Pinselstrich vollzieht keine Entbergung. Er verwaltet. Er sichert ab. Kanoldt malt nicht, um das Seiende in sein Offensein zu bringen, sondern um es verfügbar zu machen. Das Bild ist keine Stätte der Aletheia, sondern ein kalkulierter Zusammenhang von Flächen. Die sogenannte Ordnung ist nichts als Angst vor der Geworfenheit. An die Stelle des tragenden Bodens tritt die Geometrie. Sie ist kein Maß, sondern ein Schutzschild.Was hier fehlt, ist Stimmung. Nicht als Gefühl, sondern als Grundbefindlichkeit des In-der-Welt-Seins. Das Bild ist ungestimmt. Es kennt keine Nähe und keine Ferne, sondern nur Gleichgültigkeit. Alles steht gleich weit entfernt vom Ursprung, gleich leer, gleich tot. Das Ge-stell hat sich der Leinwand bemächtigt.
Die Seinsvergessenheit der Fläche
Die Häuser von Olevano wohnen nicht. Sie versammeln nichts. Sie sind keine Orte, sondern bloße Körper. Nicht Erde und Werkstoff sprechen aus ihnen, sondern der Zwang zur Verfügbarkeit. Sie sind vorhanden, nicht zuhanden. Sie stehen da wie Dinge, die schon auf ihre Inventarisierung warten.Ent-fernung geschieht hier nicht als Hereinholen der Ferne in die Nähe des Wesens, sondern als radikale Nivellierung. Alles ist gleich sichtbar, gleich ausgestellt, gleich bedeutungslos. Das Bild kennt keine Tiefe, weil es keine Frage kennt.
Die Befindlichkeit des Werkes ist die der Technizität. Es ist gerechnet, nicht errungen. Das Lebendige wird nicht gehütet, sondern eingehegt. Das Maß ist kein Maßnehmen am Sein, sondern ein Zwang zur Ordnung. So wird das Seiende zum Bestand.
Das Versagen vor dem Ereignis
Dieses Bild ist kein Wink. Es ruft nicht. Es schweigt nicht einmal. Es verstummt im Unwesen. Kanoldts Handwerk ist keine Techne im ursprünglichen Sinne des Hervorbringens. Es bringt nichts hervor, sondern stellt her. Das Ereignis bleibt aus. Das Werk ereignet sich nicht.Im Vergleich zur inständigen Forderung der großen Tradition wirkt dieses Bild wie eine ontologische Verweigerung. Es zeigt keinen Kampf mit der Wahrheit, sondern deren Umgehung. Der Maler weicht dem Abgrund der Leinwand aus. Er tritt nicht in die Gefahr, sondern flüchtet sich in das Lineal.
So bleibt das Bild ein Un-Ding. Weltlos. Es west nicht. Es steht nur da. Ein stummes Zeugnis der vollendeten Seinsvergessenheit eines Pinsels, der nie vom Seyn angerührt wurde.📌Martin Heidegger
📌Alexander Kanoldt
📌Olevano

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