Dürers Blick auf Kirchners „Böhmischer Waldsee“
Ein ernstlich Klagen wider die Unordnung und Unkunst der newen Mahler
![]() |
| Ernst Ludwig Kirchner - Böhmischer Waldsee (1911) (81 x 90,6 cm) |
Ein kurtze Anzeige und Vorrede, warumb in disen letzten Zeiten die edle Kunst des Malens gar übel mißbrauchet wird
Ach, ir verderbten Nachkomen diser späten Zeit, die ir die göttlich Kunst mit ewrem ungestümen Farbgewül entehrt! Ich, Albrecht Dürer von Nürnberg, der mit Zirckel und Feder die Proportionen der Schöpfung ergründet, der die Natur in der genauesten Lini und Schraffir begriffen hat, der mit Gelehrsamkeit und rechtem Maß die Werck der Alten fleissig studiret hat – ich muß nu solch Frevelwerck ansehen, das man nennet den „Böhmischen Waldsee“, gemalet von Ernst Ludwig Kirchner im Jar 1911. Kunst? Das ist kein rechte ars, sonder ein Ärgerniß und Grewel wider die proportio divina und die vera imitatio naturae!
Underweysung, wie ein See sampt den umbligenden Wäldern nach rechter Ordnung sollen vorgestellet werden
Sehet disen sogenannten See im Böhmischen Forst! Ein Wasser, mit Wäldern und Bergen umgeben – doch welch Verhönung der göttlichen creatio! Die Bäum erheben sich verzerret und krumb, als hette ein böser Geist ir forma verdrehet; ire Stämm in giftigem Grün und wildem Strich, on alle rechte Ordnung und Bau, die ich in meinen Aquarellen mit fleissigster Betrachtung errungen hab. Der See selbs ist ein wirrs Blau, fleckig und unruhig, on wahre Tieffe, on Spiegelung des Himmels – kein lauter Wasser, das das Firmament widergibt, sonder ein brodelndes Wirrsal aus Klecksen, als hette der Mahler blindlings mit dem Pinsel geschlagen!
Anzeige von dem Messen der Fernsicht, des Liechts und der Schatten
Die Hügel im zerrinnen in unnatürlichen rosa und rothen Thönen, on rechte Fernsicht, on gemessene Staffelung. Wo bleibet der Fleiss, den ich gelehret hab – das Messen mit dem Zirckel, das Studiren von lumen et umbra, die genaue Nachbildung der sichtbaren Ding? Statt dessen ein Wüten und Toben der Farben, ein Landschafft, die nit ruhet, sonder ungestümlich aufschreyet!
Erinnerung an die rechte Kunst und Beschluß wider die Unkunst
Dises Werck hat nichts gemein mit wahrer Kunst, dann es mangelt im an rechtem Können: an der Wissenschaft der Proportionen, an der Ehrfurcht gegen das Werck des Schöpffers, an der Gabe, das Irdisch zu rechter Harmonia zu erheben. Es ist bloß ein Aufruhr der Seel, ein moderner Irrweg, der das Aug verwirret und die Überlieferung der Alten schendet. Möge es vergehen wie ein Morgennebel, alldieweil meine Kupfferstich und Holzschnitt ewiglich die Warheit der Ding verkünden!
📌Albrecht Dürer📌Ernst Ludwig Kirchner
📌Böhmischer Waldsee

Kommentare
Kommentar veröffentlichen